Aberglaube und Aufklärung

Während im 16. Jahrhundert noch alle Wunderzeichen einheitlich als Zeichen für Gottes Zorn und das nahende Weltende und als Ermahnungen an die Menschen zu Buße und Besserung interpretiert worden waren, begann sich diese Einheitlichkeit im 17. Jahrhundert allmählich aufzulösen. Statt nach dem Zeichengehalt fragte man nun nach dem natürlichen Hintergrund der Erscheinungen. Die übernatürlichen Erklärungen wurden von den Aufklärern als Aberglauben abgetan.

Doch vollzog sich die Aufklärung der Wunderzeichen keineswegs geradlinig. Herauszufinden, worum es sich im Einzelfall handelt, war ein mühsamer Prozeß, mit dem die sich gerade erst etablierenden Naturwissenschaften zu kämpfen hatte und der sich bis ins 19. Jahrhundert hinein erstreckte. Zudem standen den Naturwissenschaftlern in vielen Fällen die (katholischen) Theologen und Geistlichen entgegen, die auf der Existenz der Wunder und deren fundamentaler Bedeutung für den christlich-katholischen Glauben beharrten. Doch trotz all der Schwierigkeiten und Hindernisse war es den Aufklärern gelungen, ein Bewußtsein dafür zu schaffen, daß die Deutung als von Gott geschickte, übernatürliche Wunderzeichen nicht die einzig mögliche ist, sondern viele der scheinbaren Wunder in den natürlichen Lauf der Welt einzuordnen seien. Und auch bei den Erscheinungen, deren wirkliche Natur nicht geklärt werden konnte, wie beispielsweise den Gespenstern, hatte sich zumindest eine heftige Diskussion entfacht, die sich zwischen überzeugter Bejahung und vollkommener Ablehnung bewegte.

(c) 2005 Dr. Michaela Hammerl, http://www.wunderzeichen.de