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Wunderzeichenberichte von der Antike bis zur frühen Neuzeit

Wunderzeichen wurden nicht erst in der frühen Neuzeit beobachtet, sondern galten schon in der Antike als Vorzeichen, die ernst genommen und gedeutet werden müssen. So hatten bei den Griechen und Römern Natur- und Himmelserscheinungen sowie Vogelzeichen großen Einfluß auf die Kriegsführung, Vorzeichen galten für sie ale von den Göttern bewirkte Naturerscheinungen, die deren Zorn verkündeten und auf kommendes Unheil hinwiesen. Den römischen Prodigien kommt dabei ein besonderer Status zu, da sie als Staatsangelegenheiten betrachtet wurden. Man unterschied grundsätzlich zwischen privaten und öffentlichen Prodigien. Herauszufinden, worum es sich im Einzelfall handelte, war Sache des Senats, der im Falle eines öffentlichen Prodigiums auch für dessen Entsühnung verantwortlich war. Am Beginn jeden Jahres brachte man den Göttern Opfer dar, machte ihnen Geschenke und hielt Göttermähler, um sie wieder mit den Menschen zu versöhnen. Dieser öffentliche Charakter der Prodigien endete mit der römischen Republik und wurde vor allem mit Augustus durch mantische Techniken abgelöst, die von den Griechen übernommen wurden. Doch der Vorzeichenglaube war weiterhin im Bewußtsein der Menschen verankert und wurde auch in schriftlicher Form weiter tradiert.

Zunächst gingen die jährlichen Prodigienberichte der römischen Priester ("Annales Maximi") in die Werke der Geschichtsschreiber, vor allem in Livius' "Römische Geschichte" ein. Daraus wiederum entstand im 4. Jahrhundert ein lateinisches Werk, das sämtliche Wunderzeichen ab 190 v. Chr. zusammenfaßte: Julius Obsequens' "Liber Prodigiorum". Auch wenn dieses Wunderzeichenbuch zunächst rasch in Vergessenheit geraten ist, so erfuhr es im 16. Jahrhundert  neuen Aufschwung:

Conrad Wolffhart (alias Lycosthenes) gab es 1552 unter dem Titel "Iulii Obsequentis Prodigiorum liber" neu heraus. Zugleich verfaßte Lycosthenes ein eigenes Wunderzeichenbuch, das er im selben Jahr unter dem Titel "Prodigiorum ac ostentorum Chronicon" publizierte und fünf Jahre später auch in deutscher Sprache erschien. Es enthält in Wort und Bild die Wunderzeichen von 3959 v. Chr. bis zum Jahr 1556. Seine Popularität verdankt es wohl vor allem dem erneuten und verstärkten Interesse für Prodigien, das anfangs des 16. Jahrhunderts in ganz Europa erwachte. Unwetter, Pest, Hungersnot und Kriege als soziale Mißstände der Zeit schürten den Glauben an die Endzeit. So wurden auch Himmelszeichen, Blutregen, Geistererscheinungen usw. als Zornzeichen Gottes, als Zeichen für das nahende Weltende aufgefaßt.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, daß neben Lycosthenes' Schrift weitere Wunderzeichenbücher im Abstand von nur wenigen Jahren unter die Leute gebracht wurden. Zu den bekanntesten zählen Caspar Goltwurms "Wunderwerck vnd Wunderzeichen Buch" von 1557 und Job Fincels dreibändige "Wunderzeichen"-Sammlung, die zwischen 1556 und 1562 publiziert wurde. All diese Wunderzeichenkompilatoren wollten mithilfe ihres chonologischen Rückblicks auf sämtliche in der Geschichte stattgefundenen Prodigien einen Beweis dafür liefern, daß sich die Wunderzeichen zu ihrer Zeit extrem häufen und dies ein untrügliches Zeichen für die Endzeit darstelle.

Das eigentliche Medium des frühneuzeitlichen Wunderzeichenglaubens sind jedoch nicht die Wunderzeichenbücher, die für die meisten Menschen sowieso unerschwinglich waren, sondern die "Neuen Zeitungen", also Flugblätter und Flugschriften. Diese waren aufgrund ihrer einfachen Aufmachung, ihres relativ billigen Preises und ihres aktuellen Inhalts weitaus besser zur massenhaften Verbreitung der Wunderzeichennachrichten geeignet. Sie berichteten meist über ein kurz zuvor stattgefundenes Ereignis, wobei sich an den Bericht- ein Deutungsteil anschließt, der die jeweilige Erscheinung als Zeichen Gottes interpretiert und den Rezipienten zur Umkehr ermahnt. Berichtet wurde unter anderem von Himmelszeichen, Blutwundern, Nahrungswundern, Geistern und Scheintoten. Dabei war es egal, um welches Wunderzeichen es sich handelte, die Botschaft blieb immer dieselbe.

(c) 2007 Dr. Michaela Hammerl