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Kosmische Energien, meteorologische Effekte oder einfach nur Schwindel?
Ein Kreis im Kornfeld

"Loch Ness ist leer, der Yeti ist ein Bär, und die Ufos sind auch verschwunden" - so war vor kurzem im Internet unter "Spiegel Online" zu lesen. Während in den 1990er Jahren Ufo-Meldungen Hochkonjunktur hatten, scheint sich nun die These durchzusetzen: "Die Welt ist kein Rätsel". Alles ist wissenschaftlich erklärbar, Mysterien gibt es nicht. Oder vielleicht doch?

Jedes Jahr im Sommer sind in der Presse Meldungen über seltsame Formationen in Getreidefeldern zu finden. Niedergedrückte Halme formieren sich zu Kreisen oder gar zu komplexen Piktogrammen. Und das Wesentliche daran: Die genaue Ursache dieser Kornkreise ist bis jetzt weitgehend unklar - also doch ein Rätsel, ein Mysterium.

Ein erster Bericht über einen Kornkreis ist aus dem Jahr 1678 überliefert. In der Grafschaft Hertfordshire in England soll ein Mähteufel am Werk gewesen sein, der in ein Haferfeld auf sehr ungewöhnliche Weise exakte Kreise geschnitten haben soll. Nachdem das Haferfeld über Nacht gebrannt habe, sei es am nächsten Morgen so sauber gemäht gewesen, wie es kein Mensch fertig gebracht hätte.

Eben diese ungewöhnliche Konsistenz der Kornkreise führte dazu, dass viele damals nur eine übernatürliche Erklärung für möglich hielten. In diesem Fall führte man sie auf einen Teufel zurück. Doch der britische Wissenschaftler Robert Plot hatte bereits ein Jahr vorher die Vermutung geäußert, dass die Getreideformationen eine Folge von vom Himmel herabkommender Luftströme seien, und damit schon frühzeitig das Phänomen entmystifiziert.

Heute gibt es unzählige Erklärungsansätze. Seit den 1970er und 80er Jahren nahm die Anzahl von Berichten über Kornkreise immens zu. Während die Kornkreise zunächst nur aus einfachen Kreisen und Kreiskombinationen bestanden, wurden die Formen in den 90er Jahren noch komplizierter. Das Phänomen war nun nicht mehr auf England beschränkt, auch in den Niederlanden, in Deutschland und andernorts wurden Kornkreise gesichtet. In Deutschland war es in den letzten Jahren unter anderem das Gebiet um Sinsheim in Baden-Württemberg, das immer wieder mit Kornkreisen für Aufsehen sorgte.

Mit der Zunahme der Kornkreise stieg auch die Zahl der "Kornkreisforscher" an. Viele Skeptiker denken zwar, es handle sich um bloßen Schwindel, doch dagegen führen die Kornkreisforscher schlagkräftige Argumente an.

In vielen Fällen gibt es Zeugen, die niemanden auf den Feldern gesehen und, nachdem kurze Zeit vorher noch alles normal war, plötzlich die Formationen entdeckt haben.

Einige berichten, dass das Korn durch einen Luftstrom niedergedrückt worden sei. Ihren Beschreibungen zufolge werden umliegender Sand und Staub in einer spiralförmigen Bewegung nach oben getrieben und fallen dann auf das Getreide nieder. Häufig wird in diesem Zusammenhang von einem Summen oder Zischen sowie von optischen Effekten wie Lichtkugeln über den Kornkreisen berichtet.

Die Pflanzen sind so flach gelegt, wie es kein Gerät verursacht haben kann. Sie sind sanft niedergelegt, nicht abgeschnitten oder anderweitig verletzt.

Bei Keimungsversuchen, bei denen das Wachstum von Keimen aus Kornkreisen mit Keimen außerhalb der Kreise verglichen wurde, wuchsen die Pflanzen der Keime aus den Kornkreisen bis auf die fünffache Größe heran. Die Ähren innerhalb der Kornkreise wiesen bei Untersuchungen im Gegensatz zu den Pflanzen außerhalb der Kreise Anomalien und Deformierungen auf.

Mathematische Modelle haben ergeben, dass die Formationen bestimmten geometrischen Verhältnissen entsprechen. Gerald S. Hawkins beispielsweise, Professor für Astronomie an der Boston University, wies nach, dass sich die Verhältnisse zwischen niedergelegten und aufrecht stehenden Pflanzen mit dem Anordnungsschema der weißen Tasten eines Klaviers decken, also einer harmonischen (Ton-)Folge entsprechen.

All diese Merkmale sprechen dafür, dass es sich um kein gewöhnliches Phänomen oder einen von Menschen verursachten Schwindel handelt. Für einige Kornkreise konnte man zwar menschliche Verursacher (Studenten beziehungsweise Rentner) ausfindig machen, andere konnten auf Pilzbefall oder chemische Störungen des Pflanzenwachstums zurückgeführt werden. Doch fand man bei weitem nicht für alle eine solch simple, "weltliche" Erklärung. In den letzten Jahren bemühte sich die Wissenschaft darum, durch Experimente dem Phänomen auf die Schliche zu kommen, und konnte schon einige interessante Erkenntnisse erbringen.

Anfang der 1990er Jahre konnten der Biophysiker Dr. William C. Levengood und sein "BLT Research Team" (Cambridge, USA) anhand von Pflanzenproben innerhalb und außerhalb von Kornkreisen auffällige Unterschiede in der Beschaffenheit der Kornkreishalme feststellen. Die Wachstumsknoten der Pflanzen zeigten deutliche Anomalien, die Ähren waren deformiert, und das Keim- und Wachstumsverhalten der Pflanzen hatte sich verändert. Aufgrund dieser Beobachtungen kam Levengood zu dem Schluss, "dass eine starke, kurzzeitige Energie die Pflanzen beeinflussen müsse", die beispielsweise durch Ionen-Plasma-Wirbel hervorgerufen werden könnte.

Der niederländische Physiker Dr. Eltjo Haselhoff versuchte im Anschluss an die Erkenntnisse Levengoods zu zeigen, dass die angenommene elektromagnetische Ursache "perfekt mit einem ball of light" als Verursacher erklärt werden kann". Soll heißen: Haselhoff ist der Ansicht, dass die Veränderung der Wachstumsknoten nur durch eine kleine Hitzequelle über den Zentren der Kreise entstehen kann, die wiederum - wie Experimente ergaben - durch einen Lichtball hervorgerufen werden könnte.

Damit hätte man eine Ursache für die Leuchterscheinungen gefunden, die oft im Zusammenhang mit der Entstehung von Kornkreisen beobachtet werden. Nach der Meinung einiger Meteorologen, allen voran der kanadische Physikprofessor Dr. Terence Meaden, könnten "Plasma-Wirbel", bei denen elektrisch geladene Luftmassen kurzfristig ein Wirbelsystem bilden, die Ursache der Kornkreise sein. Diese Wirbel entstünden in Sekundenschnelle, pressten das Korn zu Boden und lösten sich dann wieder auf.

Dr. Martin Gerzabek, Professor für Umwelt-Toxikologie an der Universität für Bodenkultur in Wien, hat noch andere Erklärungen für Muster und Schäden im Kornfeld: "Ein bekannter Grund für umgeknickte Getreidehalme ist zum Beispiel zu starke Stickstoff-Düngung an einzelnen Stellen. Dadurch wachsen die Pflanzen zu schnell, verlieren ihre Standfestigkeit und können, etwa bei einem starken Regenguss, umfallen. Manchmal gibt es auch so genannte Hexenringe. Das sind Pilze im Boden, die in einem bestimmten Umkreis das Pflanzenwachstum stören."

Wissenschaftliche Erklärungsversuche von Kornkreisen gibt es also genügend. Doch welche Erklärung ist die richtige? Neben den Theorien der Naturwissenschaftler gibt es von Seiten der Kornkreis-Enthusiasten auch zahlreiche Erklärungen, die übernatürliche Kräfte für die Kornkreise verantwortlich machen. Einige meinen, sie seien auf Außerirdische zurückzuführen. Die Formationen werden als Landeplätze von Ufos betrachtet, als Orte hoher Energiekonzentration, die einen Kontakt zu anderen Welten ermöglichen, als überirdische Orte, an denen Botschaften aus dem All empfangen werden können.

Alle Enthusiasten sind sich einig, dass es sich um ein übernatürliches Phänomen, eine Art Schnittstelle zwischen der Erde und dem Weltall beziehungsweise anderen Welten handelt. Kornkreise seien ein Beleg dafür, dass es außerhalb der Erde "Mächte" gebe, die mit Hilfe der Kornkreise Kontakt mit den Menschen aufnehmen.

Sogar manche Wissenschaftler, die natürliche Erklärungen für das Phänomen suchen, kommen letztlich zu dem Schluss, dass nicht alle Kornkreise natürlich erklärt werden und nicht alle von Menschenhand gemacht sein können. Nicht alle gehen so weit wie der englische Kornkreisforscher John Michell, der das Phänomen als "psychischen Angriff auf die irdische Ordnung der Dinge betrachtet". Doch selbst Wissenschaftler stehen dem Phänomen oft mit Staunen gegenüber.

Die meisten Forscher stimmen überein, dass das Phänomen der Kornkreise nicht völlig geklärt ist. Es bleibt noch einiges zu tun, doch schadet die Beschäftigung mit solchen Themen oft dem wissenschaftlichen Ansehen. So schreibt beispielsweise Dr. John Snow, Professor für Meteorologie an der Purdue University, USA: "Meiner Ansicht nach hält die sensationsträchtige Berichterstattung Fachleute ab, sich auf diesem Gebiet zu engagieren. Gerade sie aber wären nötig, um die noch ausstehenden Feldforschungen durchzuführen."

So stehen die Kornkreise "seit Anbeginn in der Auseinandersetzung zwischen esoterisch geprägten Enthusiasten und einer Öffentlichkeit, die dem Phänomen - je nach Standpunkt - mit ungläubigem Kopfschütteln oder rationalen Erklärungsversuchen begegnet". Doch gerade dieser Zwiespalt lässt sie so interessant erscheinen und hält sie so lange Zeit am Leben.

Erschienen in: Südwestpresse vom 31.07.2004
(c) 2007 Dr. Michaela Hammerl