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Die erschröcklichsten und wahrhaftigsten Wunderzeichen der frühen Neuzeit

Nachdem der Vorzeichenglaube in der Antike – vor allem bei den Römern – einen ersten Höhepunkt erlebt hatte, erhielt er im 16. Jahrhundert neuen Aufschwung. Ob Nordlichter, Nebensonnenerscheinungen, Sonnenfinsternisse, Kometen, Kornregen, Blutwunder, Wunderbrunnen, Geistererscheinungen, Auferstehungen, Mißgeburten usw. – sie alle sorgten bei den Menschen der frühen Neuzeit für Angst und Schrecken, da sie als Zeichen Gottes galten, der die Menschen für ihre Sünden bestrafen und vor größerem Unheil warnen möchte.

Mit dem Buchdruck war nun erstmals auch die Möglichkeit gegeben, aktuelle Berichte in relativ billiger und schneller Form an einen großen Rezipientenkreis zu vermitteln. Als neue Medien boten sich hierfür Flugblätter und Flugschriften an, da diese einfach zu produzieren waren. Während mehrseitige Flugschriften meist komplexer aufgebaut und somit komplizierter zu lesen waren, wandten sich einseitig bedruckte Flugblätter aufgrund ihrer einfachen Aufmachung und Sprache und den großen Illustrationen an weniger gebildete Bevölkerungsschichten. Auffällig ist die stereotype Deutung der Wunderzeichen in den Schriften: Sie wollen nie reine Informationsvermittler sein, sondern immer zugleich die Zeichen interpretieren und an die Menschen appellieren.
Wie weit verbreitet der Wunderzeichenglaube in der frühen Neuzeit war, belegt die enorme Anzahl an erhaltenen Flugblättern und Flugschriften. Wenn sich eine Schrift besonders gut verkaufte, wurde sie von anderen Druckern nachgedruckt. Dabei kam es vor, daß der Text verändert wurde, andere Abbildungen eingefügt wurden oder aus einem Flugblatt eine Flugschrift wurde und umgekehrt. Wenn mehrere solcher Exemplare über ein Ereignis vorhanden sind, zeugt dies von einer großen Popularität des betreffenden Wunderzeichens.
Genau um diese populären Wunderzeichen, zu denen mehrere Flugblätter und Flugschriften erschienen sind, soll es nun gehen. Die „Top 4“ der Wunderzeichen, gemessen an der Anzahl der – mir bekannten – dazu erschienenen Schriften, sind:

Himmelszeichen am 27.02.1561 zwischen Eisleben und Mansfeld

Ein Himmelszeichen, das anscheinend für großes Aufsehen gesorgt hat, wurde am 27.02.1561 zwischen Eisleben und Mansfeld "von vil Ehrlichen vnd warhafftigen Personen" gesehen (vgl. Abb. oben links). Alle dazu erschienenen Schriften enthalten einen großen Holzschnitt, der im wesentlichen immer dieselben Bilder aufweist: die gerade hinter den Wolken verschwindende Sonne, zwei Rauchsäulen, eine Rute und ein Cruzifix mit Corpus Christi. Im Text weichen die Schriften jedoch voneinander ab. Das von Georg Kreydlein in Nürnberg gedruckte Flugblatt gibt lediglich eine exakte Beschreibung der Erscheinung. Es gibt die Namen derer an, die das Zeichen beobachtet haben, sowie den genauen Zeitraum, innerhalb dessen es gesichtet wurde. Die einzelnen „Gegenstände“ werden hinsichtlich ihrer Form und Farbe beschrieben: Die Säulen seien "Ascherfarb" gewesen, aus ihnen sei "schwartzer dampff "hervorgegangen und die "Bande / damit die Rhuten ist gebunden / sindt gantz sichtbarlich Grün gewesen".

Während Kreydleins Flugblatt die Deutung der einzelnen Zeichen ausspart und nur mit dem kurzen Gebetsspruch "Gott erzeyge vns seine gnade / Behalte vns inn Gerechtigkeyt vnnd Warheyt Ewigklich / AMEN" endet, nimmt der Teil der "Erklärung vnd warnung" im Flugblatt von Michael Moser Dreiviertel des Textes ein. Die Beschreibung im ersten Viertel stimmt im wesentlichen mit derjenigen Kreydleins überein. Im folgenden geht es Michael Moser jedoch darum, die Himmelserscheinung als Zeichen für Gottes Zorn plausibel zu machen und die Menschen zu ermahnen, daß sie solche Zeichen nicht "mit geringem Ernst "betrachteten, sondern "ain warnung sein" ließen und "jr leben besserten". Wie bereits zahlreiche Bibelgeschichten lehren, versucht Gott die Menschen durch Zeichen vor Unheil zu warnen. So mahnt er auch jetzt, laut Michael Moser, die Menschen "genugsam mit Zeychen", damit sie "der frölichen zukunfft Christi erinnert werden".

Eine spezifisch auf die einzelnen Zeichen abgerichtete Interpretation liefert Hans Moser in seinem Augsburger Flugblatt. Er setzt die "zwo Aschefarbe Seullen "mit den "zwen grausamen feinden / als do ist der Muscowiter vnd der Tyrck" gleich. Die Ruten seien ein Zeichen für "Blutuergiessen / Krieg / Pestilentz / Thewrezeit / vnnd andere harte straffe mehr". Daß die Säulen rauchen, bedeute, daß "dise zwen Feinde mit brennen vnd mit Kriegen die Länder verzeren werden". Die Himmelserscheinungen werden hier also auf einen konkreten politisch-aktuellen Fall angewandt und als Zeichen für Krieg und Blutvergießen gedeutet.

Ein Konglomerat aus allen drei Flugblättern stellt die von Merten von Dolgen in Erfurt gedruckte Flugschrift dar. Vorangestellt ist hier ein Brief des Autors an einen Freund, in dem er ihm von dem Himmelszeichen erzählt. Daran schließt sich die Beschreibung und Deutung an, wie sie in Michael Mosers Flugblatt zu finden ist. Statt der letzten sechs Zeilen von Mosers Text folgt in Merten von Dolgens Flugschrift eine Auslegung der Zeichen auf konkrete Mißstände in der Gesellschaft bezogen, ähnlich wie wir sie aus Hans Mosers Flugblatt kennen. Zu der politik- tritt hier jedoch eine religions- bzw. kirchenkritische Deutung. Der Autor beklagt die "grosse spaltung der Lehr", als die er die beiden Säulen interpretiert, sowie die Tatsache, daß "etliche fromme Christen mit den Gottlosen werden verfolget werden". Doch auch in dieser Situation solle man "sich an den HERREN Christum vnd an sein Göttlichs wort halten" und sich damit trösten, daß die Zeichen nur den Gottlosen, nicht aber den gläubigen Christen gelten.

Kornregen am 14.06.1570 in Bayern und Österreich

Großes Interesse scheint auch der Kornregen hervorgerufen zu haben, der am 14.06.1570 gleich an drei Orten niedergegangen sein soll, nämlich in Zwispalen in Österreich, in Ried in Bayern und in Mattighofen in der Grafschaft Ortenburg. Zwei Flugblätter mit demselben Text lediglich unter Austausch der Holzschnitte stammen von Peter Hug aus Straßburg und von Michael Manger aus Augsburg. Die Bilder zeigen riesige Körner in der Luft und am Boden sowie Menschen, die diese aufsammeln. Der Text berichtet, daß sich "zwischen 4. vnd 5. Vhrn / ein dicke oder trüb Gewülcken erzeigt" und es daraus "Koren" geregnet habe. Die Menschen haben davon "etliche Schüssel vol auff geklaubt", das Korn "gemalen vnd gebachen / vnd hat ein sehr gut süß vnd lieblich Brot geben". Im zweiten Textteil versucht der Autor zu erläutern, daß das Ereignis ein Beleg "für die Allmechtigkeit vnnd gütigkeit Gottes" ist und als Parallelfall zum Mannaregen, von dem im Alten Testament berichtet wird, gesehen werden kann.

Daß das Korn nicht einfach vom Himmel regnet, sondern von Gott geschickt wird, wird in dem Züricher Flugblatt von Christoph Schweitzer über denselben Kornregen auch im Bild zum Ausdruck gebracht. Denn der Regen fällt hier aus Wolken, die einen Halbkreis bilden, der das Jahwe-Tetragramm einschließt. Als Beleg für die Wahrheit des Ereignisses fungieren drei adlige Herren, die – am Rande des Holzschnitts – dem Ereignis beiwohnen, sowie der Verweis auf einige Kornregen "jn den alten Historien" am Ende des Textes.

Der Aufruf am Ende des Deutungsteils einer anonymen achtseitigen Augsburger Flugschrift,  kann wohl stellvertretend für sämtliche Kornregenberichte gelten: Gott möge v"nser Hertzen dahinwenden […] das wir nach seinem Göttlichen willen leben / damit vns das Ewige Himmelbrot zu theil werde. Wer also ein Leben im Sinne Gottes führt – so die Botschaft der Kornregenberichte –, wird zum einen im irdischen Leben mit Nahrung gespeist und zum anderen im ewigen Leben belohnt".

Das Fastenwunder der Katharina von Schmidtweiler

Fastende Mädchen bzw. Frauen sorgten im 16. Jahrhundert immer wieder für großes Aufsehen. Die wohl bekannteste ist die 27jährige Katharina aus Schmidtweiler, die sieben Jahre lang nichts gegessen haben soll (vgl. Abb. oben rechts). Ein Flugblatt von Bernhard Jobin sowie drei Flugschriften von Johann Beck, Jacob Müller und Valentin Schönig geben die Geschichte in ähnlicher Weise wieder. Es wird berichtet, daß sich einige Abgesandte des Fürsten nach Schmidtweiler begeben, um dort das besagte Mädchen zu begutachten. In sehr ausführlicher Form werden sodann die Ergebnisse der Befragung des Vaters, der Mutter und des Mädchens selbst zusammengefaßt. Daran schließt sich ein Rechtfertigungsteil der Autoren an, in dem sie ihre Beweise für die Wahrheit des Geschehens darlegen.

Von dem Mädchen heißt es, sie sei als Baby "fein volkommlich starck vnnd Queck" gewesen, "von Jugend auff den Eltern vnderthänig / gehorsam vnd gefölgig gewesen / hab fleissig Betten / vnd den Catechisinum gelehrnet / vnd jederzeit gern zur Predig gangen / vnd von Gottes Wort reden hören: auch sonst? biß in seine Schwachheit fleissig gearbeit vnd geschafft". Außerdem habe sie ein "fein volkommlich / wolgefärbt / lebhafftes / wolgestaltes Angesicht / mit klaren / leblichen / wolsichtigen Augen" und "ein guten freyen wolriechenden Athem". Katharina wird also als gutes, frommes, tüchtiges und schönes Mädchen beschrieben, das an sich vollkommen ist. Da aber kein Mensch "natürlicher weiß / ohn essen vnd trincken inn solcher langen zeyt" gesund bleiben und Betrug aufgrund der fürstlichen Untersuchungen ausgeschlossen werden könne, muß es sich – so der Autor der Schriften – um ein Wunder Gottes halten.

Das Fastenwunder wird auch in einem Flugblatt von Valentin Schönig  behandelt, das jedoch stark vom vorhergegangenen abweicht. Nachdem im ersten Teil das Mädchen und ihre Eigenschaften beschrieben worden sind, folgt im zweiten Teil die Botschaft, die das Mädchen geäußert haben soll: Sie verurteilte die "böse Welt", die "groß Abgötterey" und die "Falsche vnd verfürische Lehr der Geistlichen". Nicht die natürliche, menschliche Gestalt und Lebensweise des Mädchens, sondern ganz im Gegenteil deren besondere, göttliche Eigenschaften werden also hervorgehoben, so daß das Mädchen geradezu als Bote Gottes betrachtet werden kann.

Die Wiederaufnahme des Falls 20 Jahre später durch eine Flugschrift von Martin Spieß  ist in zweierlei Hinsicht aufschlußreich. Zum einen belegt sie die Berühmtheit der Geschichte, zum anderen liefert sie eine abschließende Deutung. Denn neben der Beschreibung des Vorfalls, will der Autor Aufschluß darüber geben, "was vns Gott damit zeige". Er versucht, die Krankheit des Mädchens als Symbol für allgemeine Geschehnisse in der Welt zu sehen. So zeige beispielsweise ihr kranker Kopf "den Welt Herren Deutscher Nation / Weibische vnnd schwache vnvermögliche Rähte". Auch die wiederkehrende Gesundheit wird im übertragenen Sinn als Rückkehr zu christlichem, gottgefälligem Leben interpretiert. Der Autor nutzt den konkreten Fall somit zu einer allgemeinen Sozialkritik: Die Krankheit des Mädchens wird mit der Entartung der deutschen Nation gleichgesetzt.

Die Wunderbrunnen von Hornhausen

Ebenfalls große Bekanntheit erlangten die Wunderbrunnen, die 1646 in Hornhausen entdeckt wurden. Angefangen hat es mit drei Brunnen – wie man aus einer anonymen Flugschrift  erfährt –, die jedoch von unterschiedlicher Qualität waren. Während der erste der "süsseste" gewesen sei, sei der zweite "sehr gesaltzen", der dritte jedoch der "mittelmässigste zwischen dem ersten vnd andern gewesen". Deshalb sei das Wasser der einzelnen Brunnen auch unterschiedlich gut zu gebrauchen. Das Wasser des ersten sei nämlich nicht sehr haltbar, weswegen es "nicht weit über Land kan geschickt werden". Lediglich das Wasser des zweiten sei "sonderlich vnd köstlich gut vor die eusserlichen Schäden".

Alle zwanzig Brunnen, die insgesamt in Hornhausen gefunden wurden, die von den Pilgern errichteten Zeltstädte sind auf einem anonymen Flugblatt abgebildet. Der Text erzählt von den zahlreichen Heilungen, die durch das Wasser vollzogen wurden und spricht deshalb hinsichtlich der Quellen von "Omina und Vorboten des Friedens". Zwei anonyme Flugschriften nennen als Urheber dieser Wunderquellen den "himlischen Artzt Christus Jesus". Diese Wendung besagt, daß die Menschen zwar erkennen, daß Krankenheilungen eigentlich nur von Ärzten vorgenommen werden können, diese in besonders schweren Fällen aber machtlos sind, so daß nur noch ein ‚überirdischer‘ Arzt helfen kann.

Die Ärzte, die sich Gedanken über die Eigenschaften der Hornhausischen Quellen gemacht haben, kamen zu dem Schluß, "daß diese Brunnen mehrentheils schwefelicht und saltzig / darbey das Salz zwar etwas Corporalisch / iedoch vielmehr geistlich und Sprititualisch zu verspühren / als ist gewiß / die Erfahrung hats auch biß dato erwiesen / daß durch deroselben gebührlichen Gebrauch / alle böse Feuchtigkeiten des Gehirns / auch alle andere kalte Flüsse des gantzen Leibes verzehret worden". Neben der heilenden Wirkung könne das Wasser jedoch auch negative Folgen hervorrufen wie "hitzige Wassersucht / Fieber / auch wol febrem hecticam" und andere Beschwerden. Deshalb solle man vor allem beim Trinken des salzigen Wassers sehr vorsichtig sein.

Friedrich Salchmanus dagegen geht in seiner Abhandlung über den "Hornhausischen Gesund=Brunnen" davon aus, daß eine wissenschaftliche Klärung des Brunnens nicht nötig sei, da "nemlich die jenigen / so Hülffe erlanget /  ohne einige vorhergehende Wissenschaft des Brunnens Krafft vnd Wirckungen / hinzu getreten / vnd der Hülffe erwartet". Die wunderwirkende Kraft des Brunnens sowie der feste Glaube der Kranken an diese Kraft seien also ausschlaggebend.

Fazit

Die besprochenen vier Wunderzeichen scheinen die Menschen des 16. und 17. Jahrhunderts sehr stark interessiert zu haben. Was aber war das Besondere gerade an diesen Ereignissen?

Beim Fastenwunder der Katharina aus Schmidtweiler könnte es darin liegen, daß das Mädchen über sieben Jahre, also eine sehr lange Zeitspanne hinweg, nichts gegessen hat und trotzdem körperlich und geistig gesund war. Die Hornhausischen Wunderbrunnen fallen durch ihre große Anzahl (20 Stück) und ihre enorme Heilungskraft auf. Bei diesen beiden Wunderzeichen dürfte das Besondere also in dem hohen Grad an Außergewöhnlichkeit liegen. Das machte sie zu einem interessanten, Aufsehen und Staunen erregenden Ereignis, das so ungewöhnlich war, daß man es nur als Wunder werten konnte.

Das Himmelszeichen von 1561 dagegen fällt gerade durch seine „Gewöhnlichkeit“, seine Ähnlichkeit in Darstellung und Deutung mit den meisten anderen Himmelszeichenflugblättern und -flugschriften, auf. Das Besondere liegt hier vielmehr in der ausdrucksstarken, symbolhaften Form, die gerade aufgrund ihrer Einfachheit äußerst eindrücklich und damit auch wirkungsvoll war. Die große Wirkung dürfte auch den Kornregen von 1570 so populär gemacht haben. Denn er kam vielen Menschen zugute, die sich durch ihn ernähren konnten.

Sowohl besonders außergewöhnliche Ereignisse als auch solche, die konkrete Wirkung zeigten, indem sie die Menschen direkt betrafen, scheinen die Menschen in der frühen Neuzeit also vornehmlich interessiert zu haben. Gerade solche Schriften sorgten wiederum für eine weite Verbreitung des Appells, der hinter jedem Wunderzeichenbericht steht: "GOTT rufft noch alle Tage / daß wir vns solln bekehrn / den Krieg vnd sonst all Plage / wöll er weg nehmen gern / vnd vns zu Gnaden nehmen an / wenn wir nur ware Busse than".

(c) 2007 Dr. Michaela Hammerl