Strange and Wonderful News.
Ein Vergleich von englischen und deutschen Wunderzeichenberichten

Wunderzeichenberichte in der Frühen Neuzeit

Die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert führte nicht nur dazu, daß Texte, die vorher handschriftlich oder nur mündlich existierten, nun in gedruckter Form verbreitet werden konnten, sondern sie führte auch zur Entstehung neuer Gattungen von Kleinschriften, vor allem von Flugblättern und Flugschriften. Während die ersten Flugblätter vorwiegend Gebrauchsblätter und amtliche Bekanntmachungen waren, entwickelte sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine Fülle von Flugblättern und Flugschriften mit den unterschiedlichsten religiösen und weltlichen Inhalten. Den größten Bereich der weltlichen Themen nahm der Sensationsbericht ein, der Nachrichten über Morde, Naturkatastrophen, Hexenverbrennungen, Kuriositäten usw. verbreitete. Eine Untergruppe des Sensationsberichts ist der Wunderzeichenbericht, in dem es um Himmelserscheinungen, Geister, wunderbare Heilungen, Engelserscheinungen, Mißgeburten, Wundertiere usw. geht.

Die Ursache für den großen Erfolg der Wunderzeichenberichte in der Frühen Neuzeit waren vor allem reale Nöte, die dazu führten, daß die Menschen auf sämtliche Zeichen am Himmel und auf der Erde achteten. Naturkatastrophen, Klimaverschlechterung, Bevölkerungs-wachstum, Hungersnöte, Armut, Seuchen - mit all diesen Problemen hatten die Menschen in ganz Europa zu kämpfen. Da sich das Unheil derart häufte, sah man es als Zeichen dafür an, daß Gott erzürnt sei über die Menschen und deren Sündhaftigkeit. Diese stereotype Deutung kam explizit oder implizit in den meisten Wunderzeichenberichten zum Ausdruck.

Inwieweit jedoch Unterschiede zwischen deutschen und englischen Berichten vorhanden sind, werden wir später sehen. Die Untersuchung läßt dabei historische, kulturelle, soziale oder religiöse Kontexte weitgehend außer Betracht und beschränkt sich auf einen Vergleich zwischen den Texten englischer und deutscher Flugblätter und Flugschriften. Deshalb sollen zunächst die spezifischen Charakteristika englischer und deutscher Flugblätter und Flugschriften näher betrachtet werden.

Charakteristika englischer und deutscher Flugblätter und Flugschriften

Den deutschen Begriff Flugblatt könnte man definieren als ein einseitig bedrucktes großformatiges Blatt, das Texte in einfacher Sprache und (einfache, oft kolorierte) Bilder über kurz zuvor geschehene Ereignisse enthält und sich an eine breite Öffentlichkeit wendet. Synonym dazu kann der Begriff Einblattdruck verwendet werden, der aus der Druckersprache stammt.

Eine Flugschrift hingegen ist ein mehrseitiges, ungebundenes, nicht periodisch erscheinendes, selbständiges, Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem Flugblatt entwickeltes Heftchen, das durch Falten beidseitig bedruckter Foliobogen entsteht. Sie richtet sich ebenfalls an eine breite Öffentlichkeit, ist jedoch sprachlich meist komplizierter als ein Flugblatt verfaßt. Dem Text vorangestellt ist ein Titelblatt, das eine Kurzzusammenfassung des Inhalts sowie meist eine genaue Datierung und Lokalisierung des Geschehens liefert.

Während die Begriffe Flugblatt und Flugschrift erst Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt wurden, wurde als zeitgenössischer Begriff Neue Zeitung verwendet. Auch wenn einige ihn nur für das eine oder andere Medium benutzen, so kann er wohl als Hyperonym für beide Medien, Flugblatt und Flugschrift, gebraucht werden. Denn seine Übertragung ins Neuhochdeutsche ‚aktuelle Nachricht' zeigt, daß er sich mehr auf den Inhalt als auf die äußere Form bezieht. Da der Begriff auch in Wunderzeichenberichten auftaucht, ist weiterhin anzunehmen, daß der Begriff Nachricht dabei sehr weit gefaßt werden muß, also nicht nur ‚objektive Information' meint, sondern auch Sensationsmeldungen miteinschließt.

Auch im Englischen stehen mehrere Begriffe zur Verfügung, die sich jedoch nicht exakt mit den deutschen decken. Dem Begriff Flugblatt bzw. Einblattdruck entspricht in etwa das englische broadside, meint also ein einseitig bedrucktes Blatt. Doch gibt es dazu noch eine Variante, die in Deutschland nicht vorhanden war, nämlich das broadsheet. Dies war ebenfalls ein ungefaltetes Papier, das jedoch auf beiden Seiten bedruckt war.

Für mehrseitige Heftchen stehen im Englischen ebenfalls zwei Begriffe zur Verfügung: pamphlet und chapbook. Pamphlets entsprechen nicht den deutschen Pamphleten, den Streitschriften, doch beinhalteten sie oft komplexe Auseinandersetzungen über religiöse oder politische Angelegenheiten und waren für niedere soziale Schichten - auch aufgrund des teureren Preises - kaum geeignet. Chapbooks dagegen sind Heftchen mit 8 bis 32 Seiten, die einfach aufgemacht und billig verkauft wurden. Inhaltlich gesehen sind sie jedoch nicht mit deutschen Flugschriften gleichzusetzen, da sie meist alte Geschichten, Sagen und Märchen aufgriffen, also eher den deutschen Volksbüchern entsprechen.

Nicht nur hinsichtlich der Begriffe, sondern auch zeitlich gibt es Verschiebungen zwischen Deutschland und England. Da der Buchdruck erst um 1475 auf der Insel angelangt ist, verschob sich der Beginn der broadside-Produktion um einige Jahrzehnte. Wie die deutschen Flugblätter und Flugschriften erlebten die broadsides dann im 16. und 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt, wobei insgesamt in England weit weniger produziert wurden als in Deutschland. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden sie sodann weitgehend von den chapbooks abgelöst, doch finden wir - im Gegensatz zu Deutschland - im 18. Jahrhundert in England noch einige Flugblätter mit Sensationsberichten, wie wir später sehen werden.

Nicht nur die äußeren Bedingungen variieren zwischen den beiden Ländern, sondern auch formale und inhaltliche Abweichungen sind festzustellen. Dies soll anhand von drei ausgewählten Themenbereichen erläutert werden, nämlich Himmelszeichen, außergewöhnlichen Tieren und Menschen sowie Jenseitserlebnissen.

Der Einfachheit halber werden im folgenden die Begriffe Flugblatt, wenn es sich um ein einseitiges Blatt handelt, und Flugschrift, wenn es sich um ein mehrseitiges Heftchen handelt, verwendet.

Zeichen am Himmel

Himmelszeichen machen den größten Teil deutscher Wunderzeichenberichte aus. Vor allem zahlreiche Flugblätter erzählen in stereotyper Form über Nebensonnen, Nordlichter, Kometen, aber auch viele phantastische Erscheinungen am Himmel wie Kriegsheere, Tiere, Drachen, Ruten, Rauchsäulen, Kreuze, Totenbahren usw. Diese werden durchwegs auf großen Holzschnitten, die oft mehr als die Hälfte des Blattes einnehmen, dargestellt. Im Text werden sie dann nochmals beschrieben und als Zeichen Gottes gedeutet.

Ganz anders die englischen Berichte über Himmelszeichen. Bei den Beispielen, die hier vorgestellt werden, handelt es sich um mehrseitige Flugschriften, die keine Illustrationen aufweisen und so schon rein äußerlich deutlich von den deutschen Himmelszeichenblättern abweichen.

Zunächst zu einer vierseitigen Flugschrift, die von einer Erscheinung mehrerer Schiffe und Männer am Himmel in und um London beschreibt. Am 26. August 1679 sei kurz nach Sonnenaufgang zunächst ein großer, schwarz gekleideter Mann mit einem Schwert in der Hand beobachtet worden. Sodann habe sich der Himmel zu einem Meer verwandelt, auf dem plötzlich 100 Schiffe zu sehen waren. Als nächstes sei ein großer Hügel erschienen mit Dörfern und Wäldern ringsherum. Auf dem Weg zu den Dörfern befanden sich 30 bewaffnete Reiter. Im Anschluß an diese Beschreibung stellt der Autor fest, daß viele Menschen diese Erscheinung für "strange" hielten, doch sei sie keine Einbildung. Dafür spreche, daß mehrere Personen dieselben Dinge sahen, die alle körperlich und geistig vollkommen in Ordnung waren. Nach dieser Beglaubigung ruft der Autor dazu auf, diese Himmelszeichen zu beachten und sie mit Gebeten und Tränen zu begleiten. Die Nation müsse in Einigkeit und Eintracht leben, und Gott solle sie dabei unterstützen.

Betrachten wir nun vergleichbare deutsche Himmelszeichendarstellungen. Bewaffnete und kämpfende Soldaten und Reiter kommen auch in deutschen Flugblättern des öfteren vor, jedoch meist im 16. Jahrhundert. Als Beispiel möge ein Flugblatt von Thiebold Berger aus dem Jahr 1554 dienen. Es erzählt von kämpfenden Reiterheeren, die auf einem großen Holzschnitt bildlich dargestellt sind. Auch hier werden namentlich Zeugen angeführt, um die Glaubwürdigkeit des Berichts zu unterstreichen. Der zweite Textteil gilt in diesem Fall der Deutung der Zeichen. Da in der gottlosen Welt alles Predigen keinen Sinn habe, versuche Gott mit Hilfe von Zeichen auf die Sündhaftigkeit der Welt aufmerksam zu machen. Das Ende stehe bevor, deshalb sollen die Menschen "mit heyligem wandel vnd Gottseligem wesen" leben.

Auch die anderen Erscheinungen, von denen die englische Flugschrift erzählte, tauchen in deutschen Flugblättern auf, wie ein Einblattdruck von 1562 belegt. Es heißt darin, am Himmel über Hamburg seien u.a. große Männer, ein gewaltiger Berg und ein Schiff beobachtet worden. Der Deutungsteil fällt hier kürzer aus, entspricht inhaltlich jedoch dem vorhergehenden: "Christus Jesus wölle Gnad vnd Barmherzigkait verleyhen / damit wir zu besserung gebracht / vnd vor gräwlicher Straff erhalten werden".

Sowohl die Beschreibung der Zeichen als auch deren Beglaubigung entsprechen sich also in den deutschen und englischen Texten. Die Unterschiede liegen jedoch in der fehlenden Illustration und dem Aufruf an die Einheit der Nation in der englischen Flugschrift. Zudem stammt die englische Schrift vom Ende des 17. Jahrhundert, wohingegen vergleichbare deutsche Texte überwiegend aus dem 16. Jahrhundert stammen. Ende des 17 . Jahrhunderts dagegen machen sich in den deutschen Himmelszeichenberichten meist bereits kritische Töne bemerkbar, die die Zeichenhaftigkeit nicht mehr als gegeben hinnehmen, sondern auf natürliche Erklärungen der Erscheinungen verweisen.

Nun zu einer achtseitigen Flugschrift, die von Himmelserscheinungen in Irland 1678 handelt. Am 2. März kurz vor Sonnenuntergang hätten 16 Personen einen schwarzen Arm mit rötlicher Hand sowie einem Kreuz mit einem Ring umgeben gesichtet, sodann nacheinander ein Schiff, eine Festung, Feuer, wieder zwei Schiffe und nach einer kurzen Pause einen Triumphwagen mit zwei Pferden sowie ein schlangenähnliches Monster, einen Bullen und einen Hund. Sodann seien noch Schiffe und andere Dinge zu sehen gewesen, jedoch nicht mehr so deutlich, da die Nacht schon fast hereingebrochen war. Der Autor gibt nun darüber Auskunft, daß es an dem Abend sehr klar gewesen sei, ohne Wolken und Wind. Die Erscheinungen seien alle aus dem Westen gekommen, immer größer geworden und Richtung Norden verschwunden. Die 16 Personen, die auf der letzten Seite sogar namentlich genannt werden, seien sich alle darin einig gewesen, was sie sahen und hätten auch ständig darüber gesprochen. Eine Deutung der Zeichen wird nicht geliefert.

Eine solche Abfolge unterschiedlichster Himmelszeichen ist auch in deutschen Flugblättern überliefert. So erzählt beispielsweise ein Flugblatt von Peter Brachel aus dem Jahr 1646 von Schiffen, Menschen ohne Köpfen, Kriegsheeren, einem feuerspeienden Drachen, einem Löwen und einem Adler, die man alle nacheinander am klaren Himmel beobachten konnte. Im Gegensatz zur englischen Flugschrift schließt sich hier an den Beschreibungs- ein Deutungsteil an, in dem die Pracht und der Übermut der Deutschen kritisiert werden und der Untergang Deutschlands prophezeit wird, falls sich die Menschen nicht bessern und Gott sich nicht ihrer erbarmt.

Doch auch wenn die Zeichen in diesem Flugblatt noch stereotyp als Wunderzeichen interpretiert werden, so ist diese Deutung im 17. Jahrhundert in Deutschland nicht mehr so allgemein gültig, wie sie es im 16. Jahrhundert war. Wie aus dem englischen und dem deutschen Beispiel ersichtlich ist, geht es vor allem um eine exakte Beschreibung sämtlicher Details, die am Himmel beobachtet wurden. Man beginnt sich die Frage zu stellen, welche natürliche Erklärung diese Erscheinungen haben könnten. Die Deutung als Zeichen Gottes beginnt gegen Ende des 17. Jahrhunderts in den Hintergrund zu rücken. Dies macht sich vor allem in den Schriften über Nebensonnen und Nordlichter bemerkbar, die im 17. Jahrhundert zunehmend als Naturerscheinungen mit ihren Kreisen und Bögen bzw. ihren Farbeffekten dargestellt werden. Solche Naturphänomene sind in englischen Flugschriften dagegen überhaupt nicht anzutreffen. Hier handelt es sich immer um Erscheinungen phantastischer Dinge, die in ihrer Vielfalt sehr detailliert beschrieben, jedoch auf kein Naturereignis zurückgeführt werden.

Selbst wenn diese Dinge auch in deutschen Texten vorhanden sind, so sind in den Himmelszeichenberichten doch deutliche Unterschiede erkennbar: In deutschen Flugblättern werden sowohl Naturphänomene als auch phantastische Himmelserscheinungen im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert stereotyp als Zeichen Gottes interpretiert. Im Laufe des 17. Jahrhunderts nehmen die phantastischen Erscheinungen immer mehr ab, die Zeichenhaftigkeit wird nicht mehr als selbstverständlich erachtet. Englische Flugschriften behandeln nur phantastische Himmelserscheinungen und liegen uns nur aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vor. Die Deutung kann hier ausgespart sein, eine natürliche Erklärung wird nicht gegeben.

Außergewöhnliche Tiere und Menschen

Rein äußerlich gesehen finden sich bei Berichten über außergewöhnliche Tiere größere Übereinstimmungen zwischen deutschen und englischen Schriften. Auch die englischen Texte sind in diesem Fall auf Flugblättern gedruckt und mit Abbildungen versehen.

Ein Flugblatt von 1569 erzählt von einem wunderbaren Fisch, der aufgrund seiner enormen Stärke von den Fischern nur mit großer Mühe im Netz gehalten werden konnte. Sein Aussehen und seine Größe werden exakt beschrieben. Er habe Augen so groß wie ein Pferd, ein Herz so groß wie ein Ochse und auch sonst eine ungewöhnliche Gestalt. Man kenne keinen Namen für ihn, einige hätten ihn jedoch als Hai bezeichnet. Damit endet die Erzählung. Der Fisch wird also nicht als Zeichen gedeutet, sondern als reales Tier beschrieben. Immer wieder wird jedoch darauf hingewiesen, daß er sehr "strange and marvellous" gewesen sei.

Mehr als 100 Jahre später, nämlich im Jahr 1794, wird von einem ebenfalls sehr ungewöhnlichen Monster berichtet. Mr. Jacob M. Berriman und seinen Begleitern sei, wie er selbst erzählt, auf einer Reise ein Tier begegnet, das aussah wie eine riesige Schlange. Es wurde beschlossen, daß einer aus der Truppe bewaffnet und beritten auf das Ungeheuer losgehen solle. Doch das Monster brach dem Mutigen zunächst alle Knochen, schleckte ihn dann ab und verschlang ihn schließlich. Daraufhin ging Mr. Berriman selbst auf das Ungeheuer los und besiegte es mit drei Schüssen. Als die Männer sich das Monster nun näher betrachteten, stellten sie eine seltsame Mischung aus "horror and beauty" fest, wie sie sie noch nie erlebt hatten. Sie vermaßen das Tier, das 36 Meter lang war, und untersuchten seinen Körperbau. Am nächsten Morgen häuteten sie das Tier, wuschen die Haut und nahmen sie mit.

Daß wir es hier eher mit einer Abenteuergeschichte als mit einem Wunderzeichenbericht zu tun haben, belegt ein Vergleich mit deutschen Texten über derartige Wundertiere. Zunächst jedoch zu dem wunderbaren Fisch.

Auch in Deutschland erschienen zahlreiche Flugblätter, die von ungewöhnlichen Fischen erzählten. So wurde zum Beispiel im Jahr 1566 ein Fisch gefangen, der vor allem aufgrund seiner langen Schnäbel und Arme auffiel. Dieser Fisch wurde teuer verkauft, konnte jedoch wie im englischen Fall nicht genauer spezifiziert werden. Wie der englische Fisch wurde er allein aufgrund der Tatsache, daß man ihn keiner bekannten Gattung zuordnen konnte und er ein ungewöhnliches Aussehen aufwies, als wunderbar bezeichnet.

Öfter als solche Fälle treten in deutschen Flugblättern jedoch Fische auf, die explizit als Wunderzeichen bezeichnet werden. Diese Fische tragen eine Rute oder haben Zeichen wie Buchstaben, Totenköpfe, Ruten, Schwerter oder Schiffe auf dem Körper. Diese werden durchwegs als Zeichen Gottes interpretiert, der die Menschen vor dem nahenden Weltende warnen und zu Buße und Umkehr ermahnen möchte. Während in dem englischen Flugblatt also ähnlich wie bei den Himmelszeichen die Beschreibung des Fischs selbst im Mittelpunkt steht, rückt dieser in den meisten deutschen Flugblättern in den Hintergrund und hat nur als Zeichen Bedeutung.

Auch zu der wunderbaren Schlange gibt es einen Parallelfall aus Deutschland. Ein Flugblatt von 1590 zeigt ein Tier, das dem des englischen Flugblatts sehr ähnlich ist. Es wird berichtet, daß diese Schlange sehr schrecklich ausgesehen habe und für Mensch und Tier eine Gefahr bedeute. Wenn ein Mensch ihr begegne, könne sie ihn blind und taub machen oder ihn sogar auffressen, was sie mit einigen Bauern bereits getan habe. Doch trotz dieser Übereinstimmungen gibt es zwei Unterschiede in den Berichten: Es heißt im deutschen Flugblatt, daß die Gelehrten die Schlange einer Gattung zuordnen können, nämlich der Eichschlange oder Ringelnatter. (Inwieweit dies der heutigen Einordnung entspricht, sei dahingestellt.) Eine solche Zuordnung fehlt im englischen Flugblatt. Außerdem endet das englische Flugblatt damit, daß die Truppe wenigstens einen finanziellen Vorteil aus der Sache ziehen möchte, indem sie die Haut der Schlange verkauft. Das deutsche Blatt hingegen endet mit dem Satz: "Der gütige Gott wölle vns daruor vnd andern schädlichen Thieren bewahren vnd behüten." Die Schlange wird also als Zeichen Gottes aufgefaßt, dessen Erbarmen die Menschen erflehen. Während im englischen Fall das Abenteuer im Zentrum stand, wird hier am Ende der religiöse Charakter, die Einordnung als Strafe Gottes betont.

Neben wunderbaren Tieren treten in englischen und deutschen Flugblättern und Flugschriften auch außergewöhnliche Menschen auf. Von besonders großen, besonders kleinen, behaarten oder mißgebildeten Menschen ist die Rede. Als besonderes Wunder gilt es jedoch, wenn ein Baby bereits im Mutterbauch weint oder kurz nach der Geburt weise Worte ausspricht. Beides tat ein Baby, das 1599 in Purmerent geboren wurde. Eine Flugschrift erzählt von einer schwangeren Frau, deren Baby in ihrem Leib geweint habe. Es sei dann vollkommen gesund geboren, bald jedoch krank geworden und habe sodann die Worte "O my God. O my God. O my God" ausgesprochen. Ein Geistlicher habe den Eltern schließlich erklärt, dies belege, daß auch Babies schon den Heiligen Geist besäßen.

Ein ähnlicher Fall wie dieser ereignete sich 1631 in der Grafschaft Baden. Das Flugblatt handelt ebenfalls von einer schwangeren Frau, deren drei Kinder kurz vor der Geburt anfingen zu weinen und zu schreien. Man habe deutlich die Worte "ach Mensch thu dich bekehren" gehört. Drei Wochen später gebar die Frau zwei Töchter und einen Sohn. Nachdem die Kinder getauft worden waren, begannen sie wiederum zu weinen und zu schreien. Eines rief: "O Weh O Weh du schnöde Welt / laß fahren all dein Gut vnd Gelt / zu betten thu anheben". Ein anderes schrie: "So trachten nach der Seligkeit wird man sie nit beköhren / so ist Gott schon dahin bereit / mit keiner Straff auffhören / das Teutschland wird so hart vertrent / daß kein Mensch mehr das ander kennt / also wils Gott verstören". Diese Aussagen der Kinder machen nur zu deutlich, welche Intention diese Geschichte hat: Sie möchte an die Menschen appellieren, die Warnungen Gottes ernstzunehmen, sich von ihren Sünden zu bekehren und ein gottgefälliges Leben zu führen.

Während das Ereignis selbst also in der englischen und deutschen Schrift übereinstimmt, weichen die Interpretationen deutlich voneinander ab. Wiederum steht im deutschen Flugblatt die Wunderzeichendeutung im Vordergrund, wohingegen das Ereignis in der englischen Flugschrift zunächst für sich steht und am Ende als Beweis für den Heiligen Geist fungiert.

Einmal Himmel und zurück

Einige Flugblätter und Flugschriften erzählen von Menschen, die dem Tod nahe waren und dabei seltsame Dinge erlebten. Aus dem Jahr 1669 wird von einem vierzehnjährigen Mädchen namens Anna Atherton berichtet, das krank war und schließlich für tot gehalten wurde. Als man es jedoch für die Beerdigung zurechtmachen wollte, stellte man fest, daß es noch warm war. Durch Reiben ihres Körpers war allmählich ihr Puls wieder zu spüren: Sie erwachte nach sieben Tagen Bewußtlosigkeit. Als sie wieder bei vollem Bewußtsein war, erzählte sie, was ihr während der sieben Tage widerfahren war: Ein Engel habe sie durch den Himmel geführt, wo sie Heilige und Engel gesehen und himmlische Musik und Halleluja-Gesänge gehört habe. Der Engel habe ihr dann jedoch mitgeteilt, daß sie noch nicht eintreten dürfe, sondern nochmals auf die Erde zurückkehren und Abschied nehmen müsse. Als ihre Mutter das ganze nur für einen Traum hielt, bewies ihr das Mädchen die Wahrheit ihrer Erzählung, indem sie konkrete Namen kürzlich verstorbener Personen nannte, die sie im Himmel getroffen habe. Sie lebte danach noch zwei Jahre und zwar ohne etwas zu essen und zu trinken außer Orangensaft und Eidotter. Den Abschluß des Flugblatts bildet die Aufforderung, Verstorbene erst nach 48 Stunden zu bestatten, um auszuschließen, daß sie lebendig begraben werden.

Diese Geschichte vereinigt in sich mehrere Arten von Wunderzeichen: die Wiedergenesung nach einem Scheintod, eine Engelserscheinung, eine visionäre Himmelsreise sowie ein Fastenwunder. Für all diese Wunder gibt es auch in deutschen Flugblättern und Flugschriften zahlreiche Belege. Als Beispiel möge eine Flugschrift von 1569 dienen, die von einer "entzuckten Kindbetterin" namens Martha Martin erzählt, die nach der Geburt ihres Kindes zwölf Stunden scheintot war. Während dieser Zeit sei sie - wie das Mädchen Anna Atherton - von einem Engel herumgeführt worden. Dieser habe sie in schöne Städte mit schönen Bäumen und Äckern sowie auf einen "grossen liechten weitten berg" mit einem "schön herrlichen liecht" und schönen Weinbergen geführt. Doch wie die Frau erkennen mußte, trog diese äußerliche Schönheit. Bei näherem Hinsehen entlarvten sich die Weinstöcke als dürr, die Äcker brachten keine Frucht und die Früchte der Bäume waren voller Maden. Und auch die Menschen, die in den schönen Städten leben, seien - so belehrte sie der Engel - voller Haß, Hoffart und Eitelkeit. All diese Dinge veranlaßten Frau Martha Martin letztendlich zu dem Seufzer: "Ach du Teutsches landt wie trewlich laßt dich Gott noch warnen / bekere dich doch zu dem Herren / so wirdt er sich wider zu dir keren". Am dritten Tag schließlich starb sie, wie es ihr der Engel vorhergesagt hatte.

Auch in dieser Geschichte sind also die Motive Scheintod, Engelserscheinung und visionäre Himmelsreise gegeben. Doch wie wir bereits bei den anderen Beispielen gesehen haben, ergeben sich auch hier Unterschiede in der Deutung. In der englischen Erzählung geht es allein um das Ereignis Scheintod und den Einblick in den Himmel. Die Wahrheit der Vision wird beteuert. Am Ende folgt eine Warnung, die auf das 18. Jahrhundert vorausweist. Denn erst jetzt erkannte man die Gefahren, die mit einem Scheintod verbunden waren und versuchte zu verhindern, daß Menschen zu früh begraben werden.

Die deutsche Flugschrift dagegen zeigt, daß diese Gefahr noch nicht erkannt worden war. Man hielt den Vorfall nicht für einen Scheintod, sondern für eine wunderbare Auferstehung vom Tod. Und auch die Einblicke in den Himmel haben in diesem Fall eine ganz andere Bedeutung. Es geht darum, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden, die Schlechtigkeit der Welt zu erkennen. Diese Botschaft soll die Wiedergenesene den Menschen nahebringen und sie vor der Sündhaftigkeit warnen. Wie schon in den anderen Fällen steht also auch hier im Gegensatz zur englischen Geschichte die Wunderzeichenbotschaft im Mittelpunkt. Da man davon ausging, daß die Frau bereits tot war, also in direktem Kontakt zu Gott gestanden hatte, erlangt die Vision und die daraus resultierende Botschaft besondere Bedeutung.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede englischer und deutscher Wunderzeichenberichte

Überblickt man die Geschichten, die hier als Beispiele angeführt wurden, fallen sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen den englischen und den deutschen Texten ins Auge.

Zunächst zu den Gemeinsamkeiten: Die Themen, mit denen sich die englischen und deutschen Flugblätter und Flugschriften beschäftigen, sind sehr ähnlich. Sowohl Erzählungen über Himmelszeichen als auch über außergewöhnliche Menschen und Tiere sowie über Himmelsvisionen sind aus beiden Ländern vorhanden. Es könnten noch einige weitere Themen wie Mißgeburten, Gespenstererscheinungen oder Wunderheilungen hinzugefügt werden, die ebenfalls übereinstimmend vorliegen.

Sowohl in deutschen als auch in englischen Flugblättern und Flugschriften wird ein großer Wert auf die Betonung der Wahrhaftigkeit der Geschichte gelegt. Zur Beglaubigung werden verschiedene Strategien wie die Nennung von Zeugen oder die genaue Datierung und Lokalisierung des Ereignisses angewandt.

Dies führt dazu, daß auch die Titel der Berichte meist sehr ähnlich sind. Wie in deutschen Schriften von einem "erschröcklichen Wunderzeichen", einer "wunderbarlichen, doch wahrhaftigen Neuen Zeitungen" und ähnlichem die Rede ist, so heißt es entsprechend im Englischen: "A Strange but True Relation", "a true Account" oder "strange news". In beiden Fällen ist den Schlagwörtern gemeinsam, daß sowohl der wunderbare Charakter als auch die Wahrheit des Ereignisses betont werden. Es handelt sich zwar um eine Nachricht eines realen Vorfalls, aber dieser ist ziemlich ungewöhnlich, seltsam, wunderbar.

Doch was zunächst eine Gemeinsamkeit ist, birgt zugleich einen Unterschied: Die Bezeichnung als "ungewöhnlich" oder "wunderbar" ist in den englischen Schriften immer direkt auf das Ereignis bezogen. Das heißt, es wird von einem Ereignis gerade deswegen berichtet, weil es etwas Wunderbares an sich hat. Nur in einigen Fällen werden weitere Deutungen und Konsequenzen daraus gezogen, wie beispielsweise die Warnung vor dem Begräbnis Scheintoter oder der Hinweis auf den Heiligen Geist. In den deutschen Schriften dagegen folgt dem Beschreibungsteil meist ein ausführlicher Deutungsteil, der das Ereignis als Zeichen Gottes ausgibt, die Menschen vor kommendem Unheil warnt und sie zu Buße und Besserung aufruft. Während es im Englischen also nur um wunderbare, im Sinne ungewöhnlicher Ereignisse geht, tragen sie im Deutschen eine höhere, zeichenhafte Bedeutung. Sie sind nicht Wunder an sich, sondern deuten auf den Willen Gottes hin.

Die Wahl gleicher Themen bedeutet somit nicht, daß diese auch gleich interpretiert werden. Auch wenn das gleiche gesehen wurde, versuchten es englische Flugblätter und Flugschriften möglichst detailgenau, als ungewöhnliches, jedoch wahrhaftiges Ereignis zu beschreiben, in deutschen Schriften dagegen rückte oft die Beschreibung in den Hintergrund zugunsten der Deutung als Wunderzeichen. Um Wunderzeichenberichte handelt es sich letztendlich also nur bei den deutschen Schriften, die englischen dagegen können höchstens als Wundererzählungen oder Sensationsberichte bezeichnet werden.

Doch trotz dieser Unterschiede ist eines festzuhalten: Sowohl in England als auch in Deutschland scheinen die Menschen während der gesamten Frühen Neuzeit und auch später noch großes Interesse an wunderbaren Geschichten gehabt zu haben. Ob "strange news" oder "wunderbarliche Neue Zeitungen" - all die wunderbaren Geschichten waren sowohl in England als auch in Deutschland in der Bevölkerung verbreitet, und zwar auch dann noch, als die Aufklärer auf deren rationalen Hintergrund hinwiesen.

Wie sich vor der Erfindung des Buchdrucks über die Mündlichkeit Erzählungen über Länder- und Kulturgrenzen hinweg verbreiteten, so finden auch die auf Flugblättern und Flugschriften gedruckten Erzählungen ihren Weg in andere Regionen, wenn auch mit kulturspezifischen Abweichungen. Welche Wege die besprochenen Erzählungen im Detail genommen haben und wie es zu den Unterschieden kam, ist bislang nicht erforscht, wäre jedoch ein dringendes Desiderat, da es neue Aufschlüsse über die länder- und kulturübergreifende Verbreitung von Erzählstoffen bringen könnte.

Verwendete Literatur:
Harms, Wolfgang: Die kommentierende Erschließung des illustrierten Flugblatts der frühen Neuzeit und dessen Zusammenhang mit der weiteren Publizistik im 17. Jahrhundert, in: Blühm, Elger/Gebhardt, Hartwig (Hg.): Presse und Geschichte II. Neue Beiträge zur historischen Kommunikationsforschung, München 1987
Laver, James: Populäre Druckgraphik Europas: England. Vom 15. bis zum 20. Jahrhundert, München 1972
Redwood, John: Reason, Ridicule and Religion. The Age of Enlightenment in England 1660-1750, London 1976
Schenda, Rudolf: Die deutschen Prodigiensammlungen des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. IV, Frankfurt/Main 1963, Sp. 637-710 Schenda, Rudolf: Wunder-Zeichen: Die alten Prodigien in neuen Gewändern. Eine Studie zur Geschichte eines Denkmusters, in: Fabula. Zeitschrift für Erzählforschung 38 (1997), S. 14-32
Shepard, Leslie: The History of Street Literature. The Story of Broadside Ballads, Chapbooks, Proclamations, News-Sheets, Election Bills, Tracts, Pamphlets, Cocks, Catchpennies, and other Ephemera, Newton Abbot 1973
Thomas, Keith: Religion and the Decline of Magic. Studies in Popular Beliefs in Sixteenth- and Seventeenth-Century England, London 1971
Wehse, Rainer: Schwanklied und Flugblatt in Großbritannien, Frankfurt/Main u.a. 1979
Westfall, Richard S.: Science and Religion in Seventeenth-Century England, Ann Arbor 1973
Vortrag auf dem Kongreß "Erzählen zwischen den Kulturen", Augsburg 1.-5.9.2002
(c) 2005 Dr. Michaela Hammerl, http://www.wunderzeichen.de