"Warhafftige Relation oder Bericht Eines wunderbarlichen Wunder=Thiers oder Monstrum" - mit solchen oder ähnlichen Schlagzeilen ist eine Gruppe von Einblattdrucken betitelt, die sich von anderen Sensationsnachrichten abgrenzen läßt: die Darstellung von Wundertieren. Wie andere Sensationen werden sie auf großen Holzschnitten abgebildet und im Text als besondere Attraktionen angekündigt. Im Gegensatz zu Naturkatastrophen, Himmelserscheinungen, Wunderregen und anderen sensationellen Nachrichten sind es in diesem Fall jedoch durchwegs Tiere (unterschiedlichster Gattungen), die im Mittelpunkt des Interesses stehen.
Die Gruppe der Tierdarstellungen kann wiederum in vier Untergruppen gegliedert werden: 'normale' Tiere, Schaustellertiere, tierische Mißgeburten sowie unbekannte oder phantastische Tiere. Die Vorstellung normaler Tiere wird im folgenden ausgeklammert, da sie eher unter zoologischen und biologischen Gesichtspunkten ausgewertet werden müßte. Außerdem werden die Tiere hier in ihrer natürlichen Erscheinungsweise relativ objektiv dargestellt, wohingegen es bei den anderen drei Gruppen jeweils um Sensationen geht, um Tiere also, die eine Besonderheit aufweisen. Wie werden diese 'sensationellen' Tiere auf den Einblattdrucken dargestellt und beschrieben? Welche Intention verfolgen die Autoren mit der Darstellung der Tiere? Um diese Fragen soll es im folgenden gehen.
Der Aufbau solcher Schaustellerzettel ist relativ einheitlich. Durchwegs ist auf einem Holzschnitt, der oft mehr als die Hälfte des Flugblatts einnimmt, die Attraktion, also in unserem Fall das Tier, dargestellt. Worum es sich bei dem Tier handelt, erfährt der Rezipient in manchen Fällen aus der Schlagzeile oberhalb des Titels, in allen Fällen jedoch aus dem beigefügten, meist relativ kurz gehaltenen Text. Dabei sind drei Arten von Texten zu unterscheiden: Entweder Bezeichnung, Aussehen, Herkunft und Eigenschaften des Tiers werden ausführlich beschrieben oder es wird nur ein Hinweis auf die Schaustellung geliefert oder aber der Text besteht aus einer Mischung der beiden Varianten, also sowohl aus einer Beschreibung des Tiers als auch aus einem Verweis auf dessen Zurschaustellung.
Am öftesten werden Elefanten auf den Flugblättern vorgestellt. Ein Nürnberger Flugblatt von 1629 kündigt einen "Orientalischen Elefanth", der "stündlich alle Tag" gegen "2 Batzen" ("ein klein Kindt ein Batzen") zu sehen ist. Sowohl der Hinweis im Text, daß "die natur" den Elefanten "mit wunderlichem verstandt begabet hat", als auch die Abbildung, die den Elefanten mit zwei Dompteuren, einen davon auf seinem Rücken sitzend, darstellt, weisen darauf hin, daß es sich um keinen normalen Elefanten handelt, sondern der Zuschauer wohl mit Kunststücken zu rechnen hat.
Vom selben Elefanten berichtet ein weiteres Flugblatt, das den gleichen Holzschnitt trägt, dessen Text jedoch viel ausführlicher ist. In drei Textspalten erhält der Leser genaue Informationen "Von der Natur vnd Eygenschafft / wie auch Nutzbarkeiten deß Elephanten". Dabei vermischt der Autor eine objektive, naturkundlich exakte Schilderung - vor allem hinsichtlich der einzelnen Körperteile des Tiers - mit Eigenschaften, welche die Überlieferung und die Phantasie der Menschen dem Elefanten zuordnet haben. So wird er - wie schon im Mittelalter - als keusches Wesen mit besonderer "Schämhafftigkeit" beschrieben, das eine "Natürliche Lieb" zum "Menschlichen Geschlecht / vberauß zu den schönen hüpschen Weibern / auch noch vielmehr zu den Jungen Kindern" zeigt.
Auf einem Flugblatt von 1651 heißt es bereits im Titel, daß der abgebildete Elefant "36. sehr schöne Kunststücke" könne. Worin diese allerdings bestehen, bleibt geheim, um die nötige Spannung zu gewährleisten. Dagegen erfährt der Leser im Detail dessen "Maaß" in seinem derzeitigen 21. Lebensjahr. Es heißt, daß er "auß Indien zu schiff" nach Holland und von dort aus nach Sachsen gekommen sei, wo er nunmehr ein Gewicht von "7000. pfund" auf die Waage bringe.
"Da er in Europa nicht heimisch war", gehörte der Elefant zu den Tieren, welche die Menschen allein aufgrund ihrer Exotik anlockten. Zusätzlich jedoch werden ihm (vor allem ab dem Ende des 16. Jahrhunderts) besondere Eigenschaften wie Intelligenz, "enorme Leistungskraft", auf der anderen Seite jedoch auch "Sensibilität" und eine "undurchschaubare, geheimnisvolle Psyche" zugeschrieben. Gerade dieser Kontrast zwischen "äußerem Schein und innerem Sein" sowie "die Jahrtausende alte hohe Symbolkraft" des Elefanten, ließen ihn zu einer ausgesprochenen Attraktion werden, die viele Schausteller des 17. und 18. Jahrhunderts zu nutzen verstanden.
Ebenfalls aufgrund ihrer Exotik sowie aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften, in diesem Fall vor allem der Größe, war die Giraffe ein beliebtes Schaustellerobjekt. Auf einem Flugblatt, das Hans Adam bereits 1559 publiziert hat, wird sie als Tier mit langen Beinen und langem Hals, einem pferdeähnlichen Kopf und einer Mähne abgebildet. Der Text stellt sie als "Eyn seltzam vnd Wunderbarlich Thier" namens "Surnappa" vor, das "Höher als fünff mañ hoch" ist. Auf einem Flugblatt von Hans Weigel ist sie ebenfalls als Tier mit langem Hals sowie Geweih, Pferdeschwanz und Pferdefüßen zu bewundern. Der beigefügte vierzeilige Spruch von Hans Sachs bezeichnet das "WunderThier" als "Ziraffo", das "im Türckischn Landt" lebe und sich durch seinen "hohen Hals" auszeichne. Weniger Ähnlichkeit mit einem Pferd besitzt die Giraffe auf einem weiteren Flugblatt von Hans Weigel. Der Text ist zwar nicht vollständig überliefert, doch scheint er ebenfalls naturgetreuere Angaben über das Tier, dessen Aussehen und Eigenschaften zu enthalten.
Während der Elefant vor allem aufgrund seiner Stärke und Intelligenz betrachtenswert erschien, ist es bei der Giraffe die außerordentliche Größe, welche die Menschen beeindruckte. Im Gegensatz zu Elefanten werden die Giraffen noch nicht exakt naturgetreu abgebildet, sondern zeigen eine eher phantastische Gestalt, die an ein Pferd mit äußerst ungewöhnlichen Porportionen erinnert. Und auch der Begriff "Giraffe" scheint noch nicht üblich gewesen zu sein. Vielmehr benützen die Autoren Bezeichnungen, die aus Reisebeschreibungen ab dem 14. Jahrhundert bekannt waren und über arabische Vermittlung "vermutlich wie das Tier aus Zentralafrika" stammen. Da sowohl das Tier als auch dessen Bezeichnung den Menschen der frühen Neuzeit also noch nicht geläufig waren, wurde es vielfach noch als "Wundertier" betrachtet.
Auch wenn sich der Name "Crocodil" bereits durchgesetzt zu haben scheint, so wird das Tier selbst wie die Giraffe als "wunderbarliches" Tier bezeichnet. Daß es für ein Wundertier gehalten wird, wird vor allem an der angegebenen Übersetzung des Wortes "Crocodil" ins Deutsche deutlich. Denn "Lindwurm" ist keine Bezeichnung für ein (reales) Krokodil, sondern ein Synoym zu "Drachen", also ein "großes, ungefüges Fabeltier". Nur aufgrund dieser Einschätzung als Wundertier ist es verständlich, warum "die Egypter" das Tier "sonderlich verehret" haben, wie es im Text des Flugblatts heißt. Sie "haben es für heilige gehabt / vnd jm sonderlich Priester gehalten / die sein gewartet haben vnd das ernört." Die Menschen seien zu dem Krokodil gepilgert, um ihm "Brod / Fleisch / Wein vñ andere dergleichen ding" zu opfern. Das Krokodil scheint also nicht nur ein Wundertier, sondern sogar ein heiliges Tier gewesen zu sein, dem Verehrung gebürte.
Als Wundertier kann auch der "egyptisch Ichnevmon" gelten, den Nicolas Waldt auf seinem Flugblatt vorstellt. Dabei scheint es sich um ein noch grausameres und stärkeres Tier als das Krokodil zu handeln, da es "den grossen / vngehewren vnd gifftigen Crocodill vmb sein Leben bringet", wie es in der Überschrift heißt. Doch nicht nur Krokodile verspeist es, sondern auch "Meuse / Keffer / Eydexen / vnnd das Thierlein Camelion" sowie "allerley art der Schlangen", wie auf dem Holzschnitt zu sehen ist. Vor allem aufgrund seiner Überlegenheit gegenüber dem Krokodil haben die Ägypter das Tier "angebetten / vnnd hoch gehalten". Der Autor sieht darin eine Parallele zu Christus. Denn wie der Ichneumon - als Symbol für Christus - das Krokodil - als Symbol für den Teufel - überlistet und vernichtet, so hat auch Christus den Teufel besiegt und den Menschen dadurch "Fried / Leben / freud vnd Seligkeit" gebracht. Mit dieser Interpretation geht das Flugblatt über die Ankündigungs-funktion reiner Schaustellerzettel hinaus, indem es eine zusätzliche, religiöse Komponente mit ins Spiel bringt. Was in diesem Fall zählt, ist nicht die naturgetreue Darstellung des Tieres, sondern die symbolische Interpretation des an sich schon phantastischen Tieres.
Diese Deutung stellt jedoch eine Ausnahme dar. Der überwiegende Teil der Schaustellerzettel versucht eine möglichst naturnahe Abbildung des Tieres zu liefern und auf dessen Exotik und besondere Eigenschaften hinzuweisen. Ob "Ungarische wilde Stier", Löwen, Tiger und andere Wildkatzen, Kamele, Pferde oder Affen : immer sind es Tiere aus fremden Ländern, oft sogar fremden Kontinenten, die nach Deutschland gebracht und in vielen Fällen auch dressiert werden. Die Flugblätter werben sodann sowohl für die Tiere selbst, indem sie ihr Aussehen und ihre natürlichen Eigenarten beschreiben, als auch für ihr (erlerntes) Können, die Kunststücke, die zur Schau gebracht werden. Manche Flugblätter liefern Hintergrundinformationen, die aufgrund der reinen Zurschaustellung wohl nicht zum Ausdruck kommen, wohingegen auf die Kunststücke meist nur hingewiesen und so Neugier beim Rezipienten geweckt wird.
Einerseits versuchen die Schaustellerzettel also die Tiere möglichst naturgetreu darzustellen und Informationen über deren Aussehen, Herkunft und Eigenschaften zu liefern. Andererseits möchten sie jedoch den Attraktionswert der Tiere herausstellen. Deshalb betonen sie deren exotische Herkunft sowie deren mythische und wunderbare Merkmale und schrecken auch vor übertriebener Darstellung - zum Beispiel hinsichtlich der Größe und Stärke der Tiere oder der Anzahl an Kunststücken - nicht zurück.
Den größten Anteil tierischer - wie auch menschlicher - Mißgeburten auf den Flugblättern des 16. Jahrhunderts machen siamesische Zwillinge - in sämtlichen Varianten - aus. Oft sind es bäuerliche Nutztiere wie Kühe oder Schafe, die zusammengewachsen sind bzw. verschiedene Körperteile doppelt haben. So berichtet Hans Schultes 1587 von einem Kalb "mit zweyen Köpffen / 4. Augen / 4. Ohren / 8. Füssen / hat doch die zween / auff dem Rücken ligen / vnd zwey hindertheil", Heinrich Stadtländer 1567 von einem "tweköppich Kalff", David de Necker 1555 von einem "Kalbs Kopff", der "zwäy Meuller vnd Vier Augen / Gehabt" hat, oder ein Flugblatt von 1578 von einem Schaf mit "acht Füssen / vier Ohren / zwey Augen / vnd einem Maul wie ein Affe". Gelegentlich sind es auch andere Haustiere wie Katzen oder Feldtiere wie Hasen, die "Natur=widrig" als "Scheusale" zur Welt kommen.
Andere Tiere haben zwar nicht zuviele, dafür aber mißgebildete Körperteile. So wächst einem Reh, das im Jahr 1580 in Memmingen gesehen wurde, statt "zwey hörnern" ein "Busch" aus dem Kopf. Dieses Reh sei, seitdem ihm der Busch gewachsen war, "so thätig freundlich" gewesen, "Das es mit dem Volck auff der gassen / Oder strassen lauffet daher" und die Menschen es, "Weil es hat sölch freundliche geper", als "ein wunder erkennen thun". Ein Gewächs aus dem Kopf verunzierte auch zwei Kälber und ein Lamm, die 1693 auf der Insel Fehmarn geboren wurden. Diese sogenannten "Kleeblattschädel" werden vom Autor des Flugblatts "mit der bei den Damen zwischen 1680 und 1713 so beliebten Fontange" verglichen.
"Perückengeweih" wird die Geweihmißbildung kastrierter Hirsche genannt, die "auf einer Störung des männlichen Sexualhormons durch Verlust oder Verkümmerung der Hoden" beruht. Für die Menschen des 16. Jahrhunderts, die von dieser Ursache noch nichts wußten, stellten solche Hirsche eine ungewöhnliche Sensation dar, die auf zahlreichen Flugblättern als wunderbare Neuigkeit verbreitet wurde.
Körperteile verschiedenster Tiere weist ein Schaf auf, das 1567 in der Nähe von Frankfurt am Main geboren wurde. Es hat einen äußerst ungewöhnlichen Kopf "mit zweyen schröckliche grosse Augen / gröser als die Augen eines Hasen", "mit einem langen zipffel darinn ein bain gegriffen wirt", "mit einem weiten offnen auffgesperten Maul / gleich eines Menschen Maul" und einem Horn, "daran ein nabel hangt gleich wie die Elephanten haben". Daneben hatte es "einen grossen Kropff an der Brust / ist auch groß von geburt gewest / vnd vngeschickt von Leib weder andere Lämmer". Daß es sich tatsächlich um eine äußerst "seltzame vngewonliche vnnd wunderbarliche gestallt" gehandelt hat, wird anhand des Holzschnitts deutlich und kann auch von vielen glaubwürdigen Personen, die zum Teil namentlich genannt werden, bezeugt werden.
Keine Merkmale eines anderen Tiers, sondern diejenigen eines Menschen weist ein Kalb auf, von dem ein Flugblatt von Endres Obermayer 1556 berichtet. Dieses Kalb hatte bei der Geburt "vier Kalbs fueß vnd ein grossen Menschen Kopff / ein schwartzer Bart / zwey kleine Menschen örlein ein Mensch? Prüst vnd ein Menschen ruck". Seine Erscheinungsweise erinnert zum einen an das berühmte Freiberger Mönchskalb, das bereits Anfang des 16. Jahrhunderts für Aufsehen gesorgt hatte. Vor allem die Frisur und der schwarze Bart könnten Kennzeichen dafür sein, daß es in der Nachfolge jenes Mönchskalbs steht. Zum anderen rückt es aufgrund seiner Hybridität zwischen Mensch und Tier in die Nähe einer Gruppe von Flugblättern, die von der Verwandlung eines Menschen in ein Tier berichten. Auch wenn es sich in diesem Fall um keine Verwandlung, sondern - dem Bericht nach - um eine tierische Mißgeburt handelt, bleibt die Aussage dieselbe: Die Verwandlung bzw. Mißbildung wird als Strafe Gottes betrachtet.
Egal um welche Art von Tier und welche Art von Mißbildung es sich handelt: die Botschaft der Flugblätter über Mißgeburten ist immer dieselbe. Die Menschen sehen nicht die Krankheit, die hinter den Mißbildungen steckt, sondern betrachten diese als wunderbare Zeichen Gottes. Wie alle Wunderzeichen sollen sie den Menschen dazu bewegen, von seinem sündhaften Leben Abstand zu nehmen und sich zu Gott zu bekehren. Mißgebildete Tiere werden also nicht zu dem Zweck zur Schau gestellt, um fremde Tiere kennenzulernen, wie dies bei den Schaustellerzetteln der Fall war, sondern um dem Appell zur Buße besonderen Ausdruck zu verleihen. Deshalb ist es nicht nötig, daß es sich um besondere Tierarten handelt. Sondern gerade einheimische Tiere fallen durch ein besonderes Merkmal auf, das sie als etwas Außergewöhnliches ausweist, das nur Gott bewirkt haben kann.
Unbekannt waren - wie wir oben gesehen - zahlreiche Tiere, die nur in bestimmten Ländern auftraten - unbekannt jedoch nur in Bezug auf Menschen anderer Länder bzw. Kontinente. Doch es gab auch Tiere, die allen Menschen, egal woher sie stammten, nicht bekannt gewesen sein dürften, nämlich zahlreiche Arten von Meerestieren. Da es trotz unserer heutigen technischen Möglichkeiten den Forschern noch nicht gelungen ist, sämtliche Meerestiere erschöpfend zu katalogisieren, kann man davon ausgehen, daß die Zahl der erforschten Tiere mit den wenigen Mitteln, die den Menschen der frühen Neuzeit zur Verfügung standen, äußerst gering gewesen sein dürfte. Gerade im Meer als einer der "Regionen, die dem Menschen damals weitgehend unzugänglich waren", vermutete man zahlreiche Fabelwesen wie Feen, Nixen oder Nymphen. Das Mittelalter war voll von solchen geheimnisvollen Wesen, der Glaube an sie war im Bewußtsein der Menschen fest verankert. Dabei wurden "wundersame Phantasiegeschöpfe nicht von realen Naturgeschöpfen" unterschieden. Selbst die gegen Ende des Mittelalters entstehenden naturkundlichen Werke nahmen neben den allgemein bekannten Tieren solche phantastischen Wundertiere mit auf. So widmet Konrad von Megenberg in seinem Buch der Natur von 1349/1350 ein eigenes Kapitel den "Merwundern", in dem er unter anderem von "mertracken", "wazzerpfärden" und "merjunckfrawen" schreibt.
Am Beginn der Neuzeit begann man zwar von solchen abergläubischen Vorstellungen Abstand zu nehmen und versuchte auch die Tiere des Meeres objektiver zu untersuchen, wie beispielsweise Conrad Gesners Fischb?ch von 1568 zeigt. Doch gerade Meerestiere hatten ihren geheimnisvollen Charakter noch nicht vollständig verloren, wie die folgenden Beispiele zeigen werden.
All den Wunderfischen auf den frühneuzeitlichen Einblattdrucken ist gemeinsam, daß sie keine individuellen Namen haben. Sie werden entweder als "Fisch" oder aber als "Meerwunder" o.ä. bezeichnet. Diejenigen, die "Fisch" genannt werden, werden meist relativ naturgetreu als Wassertiere abgebildet. Im Text werden sie jedoch als "wunderbarliche Fische" bezeichnet, wobei der Wundercharakter darauf zurückgeführt wird, daß es "von menigklichen ein vnerkanter visch" ist, der zudem sehr "wunderbarlich" anzusehen ist. Auch wenn die Autoren exakte Informationen über Aussehen und Herkunft der Fische liefern, verweisen sie in den Texten durchwegs auf "die geheimniß vnd bedeutung dieser Wunderbarlichen figur", die darin bestehe, daß Gott "höchlich erzurnet von wegen vnser grosser sund" ist.
Bei einem Fisch, von dem ein Flugblatt von 1584 berichtet, ist zwar der Name bekannt - es handelt sich um einen "Schwerdtfisch" -, doch trotzdem wird er als ein "Newer seltzamer Fisch vnd Mehrwunder" vorgestellt. Selbst wenn man Informationen über Bezeichnung und Eigenschaften des Tieres besitzt, wird er also als Wunder betrachtet. Gerade aufgrund seines schwertähnlichen Maules gilt er den Menschen als Vorzeichen für "groß trübsal vnd gefahr", vor der nur Gott die Menschen behüten kann.
Noch deutlicher tritt der Wundercharakter bei den Fischen in den Vordergrund, die von vornherein als "Meerwunder" bezeichnet werden. Ein solches ist 1564 in Brasilien gesehen worden. Es hat sich dort - einem Flugblatt von Matthäus Franck nach - "mit grossem heülen vnd toben" an Land begeben und die Menschen angegriffen. Nachdem ein Mann namens Georg Ferdinand ihm im Kampf mit dem Schwert unterlegen war, kamen ihm zwei Brasilianer mit Pfeil und Bogen zu Hilfe und erlegten das Monster. Das "Meerwunder" sei "17 Schüch lang" gewesen und wird auf dem Holzschnitt mit unförmigem, riesigem Körper, Menschenarmen und weiblicher Brust und großen Tierpfoten mit Krallen dargestellt. Wie grausam und schrecklich die Begegnung mit ihm gewesen sein muß, kann der Rezipient somit schon anhand der Illustration erahnen.
Daß den Monstern menschliche Körperteile angehängt werden, ist kein Einzelfall. So berichtet ein Flugblatt von 1546 von einem Wesen, das zwar als "Visch" bezeichnet wird, jedoch einen Menschenkopf trägt und auch im Körperbau einem Menschen ähnelt. Aus dem Text des Flugblatts erfährt man lediglich, daß es sich um einen "wunderbarlichen vnd warhafftigen Visch" handelt, "welcher vier gantzer Elen lang gewesen" ist und in der Nähe von Koppenhagen gefunden wurde, jedoch nichts über das seltsame Aussehen des Fisches. Doch läßt sich diese Mischung aus Tier und Mensch wohl aus der mittelalterlichen Vorstellung herleiten, die die seltsamsten Phantasiegeschöpfe, "wundersame Tiere, seltsame Menschen" und eben auch "Hybriden aus beiden" hervorbrachte. Diese mittelalterlichen Fabelwesen haben sich vermutlich im Bewußtsein der Menschen erhalten und spiegeln sich (unter anderem ) in den Meerwundern der frühen Neuzeit wider. Auch wenn die Autoren im Text vielfach Abstand nehmen zu den mittelalterlichen Phantasievorstellungen, so sind gerade in den Illustrationen die Kennzeichen dieser Wesen noch deutlich erkennbar.
Um kein Mischwesen, jedoch durchaus um ein Fabelwesen dürfte es sich bei dem 1630 in Frankreich entdeckten "Meer=Trachen" handeln. Denn das Wort "Trachen" impliziert ja bereits, daß es sich um ein "fabelhaftes Ungeheuer" handelt, das als Phantasiewesen in Mythen, Märchen und Sagen zuhause ist. Auch wenn das Flugblatt von einem realen Wesen ausgeht, ist mit dieser Benennung zugleich dessen wunderbarer, außergewöhnlicher Charakter angesprochen. Ähnlich wie das Brasilianische "Meerwunder" fällt auch dieser "Meer=Trachen" durch besondere Grausamkeit auf. Er hat nämlich zwei Hunde sowie einen Arbeiter zu Tode gebissen und dann sogar noch "mit dem Haupt zerrissenen Menschen gespielet". Als man ihn nach weiteren grausigen Taten mit dem Schwert erlegen wollte, "wolte das Thier nicht fallen / biß daß es von einem Musquetirer durch den Kopff geschossen wurde". Sowohl aufgrund seiner Grausamkeit als auch aufgrund seines Äußeren wird das Tier mit einem Löwen verglichen, sei jedoch größer und hätte Füße, die zum Schwimmen geeignet seien. Man könne es somit insgesamt keiner bekannten Tierart zurechnen, weshalb es als Drache bezeichnet wird. Wie schon in den anderen besprochenen Flugblättern betrachtet auch der Autor dieses Wundertier als Werk Gottes, an den abschließend die Bitte gerichtet wird, er möge "alles zum besten wenden / auch alles bevorstehente Vnheyl / von seiner werthen Christenheit Gnädiglich abwenden".
Dieselbe Bitte steht auch am Ende eines Flugblatts von 1640 über einen "wunder grossen Wallfisch", der, trotzdem ihm die Gattung "Walfisch" zugeordnet wird, als ein "vngeheures erschröckliches Meer Monstry" betrachtet wird. Allein die Abbildung erinnert in keiner Weise an einen Walfisch, sondern stellt ein furchterregendes, gräßliches Ungeheuer dar. Außer durch seine enorme Größe sei der Wal "durch sein erschröckliches geheule / vnd Brülen" aufgefallen. Daß die 500 Menschen, die ihn bezwingen sollten, trotz großer Schwierigkeiten letztendlich doch Erfolg hatten, beweise nach Ansicht des Autors, "daß Gott der Herr dem Menschen alles vnderwürffig gemacht hat".
Bei seiner Gefangennahme ebenfalls "schrecklich gewehret" hat sich ein "sonderbahres Meer=Wunder", das 1661 in Holland ins Netz ging. Dieses "See=Monstrum" konnte nicht identifziert werden, lediglich einzelne Körperteile wiesen Ähnlichkeiten mit bekannten Tieren auf. Deshalb haben es alle, "die es gesehen / für ein Wunder=Geschöpff auffgenommen / und gestehen Gelahrte Leute sämptlich / daß sie von dergleichen Fische niemals gehöret / oder in keinem Buche / von den Natur=Kündigern der Wunder=Thiere beschrieben / gelesen haben". Die Neuheit und Unbekanntheit war somit auch in diesem Fall dafür ausschlaggebend, daß man den Fisch als Wundertier auffaßte.
Daß man selbst im 18. Jahrhundert noch von der Existenz von "Meerwundern" ausging, belegt ein Flugblatt von 1775, das einen "Meer Drachen oder Meer Wunder, Welcher in Seinen Rachen 384 Zähn hat", abbildet. Kennzeichen sämtlicher "Meerwunder" vom 16. bis zum 18. Jahrhundert ist es also, daß sie über ein äußerst furchterregendes Äußeres verfügen, das nicht an eine bekannte Fischsorte erinnert. Sie fallen meist durch extreme Größe, Ähnlichkeiten mit wilden Landtieren und besondere Grausamkeit auf. Da man sie keiner Tierklasse zuordnen kann, werden sie als "Meerwunder", "Meerdrachen" oder "Seemonster" bezeichnet.
Im Gegensatz dazu wird eine andere Gruppe von 'Wunderfischen' als Fische abgebildet. Das Wunderbare an diesen Fischen ist also nicht ihre Gestalt an sich, sondern bestimmte Zeichen, die auf deren Körper entdeckt werden. Diese Fische werden durchwegs "Fisch" genannt, jedoch meist mit Zusätzen wie "abscheulich", "schröcklich" oder "wunderbarlich". In der zweiten Hälfte des 16. sowie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert scheint es sich hierbei um ein äußerst beliebtes Thema gehandelt zu haben, zu dem zahlreiche Einblattdrucke erschienen sind. Meist sind es Symbole wie Ruten und Kreuze, Kriegswaffen und Totenköpfe oder aber "wunderbare Buchstaben", die auf dem Körper der Fische erscheinen. Egal um welche Inschrift es sich im einzelnen handelt, sie wird durchwegs als Vorzeichen für "eine sehr grosse Noth / darüber viel Weheklagens abgehn werde", gedeutet. Wie Himmelszeichen, Blutregen und andere Erscheinungen werden die Zeichen auf den Fischen also als Wunderzeichen interpretiert, welche die Menschen vor Gottes Strafe warnen sollen.
In die Gruppe der Wunderzeichen werden jedoch nicht nur Fische eingeordnet, sondern auch andere Tierarten, die besondere Kennzeichen an sich tragen. So fand man 1586 in England "Sieben grosse Vögel / alle jn einerley grössen / vnd von Vnterschiedlichen farben / dergleichen keiner jemals gefunden / auch dieselben oder jre Conterfeyung / in einigen Lande nie gesehn oder daruon gehört hat". Bereits im ersten Textabschnitt verweist der Autor des Flugblatts auf die Vogelzeichen der Antike, die als Vorzeichen ernst genommen wurden. Die "natürlichen Philosophj" seiner Zeit dagegen müßten größtenteils für "vnachtsame Narren" gehalten werden, da sie sich "vber dieselben nicht mit ehr erbietung verwundern". Diesem schwindenden Glauben an Wunderzeichen hält der Autor nun jene Geschichte über die sonderbaren Vögel aus England entgegen. Das Verwunderliche an ihnen sei neben ihrem ungewöhnlichen Aussehen die Tatsache, daß sie nicht vor den Menschen zurückscheuten, sondern dazu übergingen, in dem Saal, in den sie gebracht worden waren, "auff vnd ab zugeen / offt stil zu stehen / vnd jhre Köpf vnd Schnebel zusame zustecken / als ob sie eine guete Weil / gleichsam in einer Consultation / vber einer wichtigen sache Raht hilten / vnd als dan wider zugehen / ohne einiges begern Ihrer Natur / zu essen oder andre anreytzung zu nem?." Als sie nach drei Tagen gestorben waren, konnte ihnen keiner eine Feder entnehmen. Im Deutungsteil des Flugblatts vergleicht der Autor die Vögel sodann mit den "Edele frawen vnd Junckfrawen / so mit auffgeribenem haar / vnd Langen Kröesen daher brangen". Er ruft die Menschen dazu auf, daß sie sich hinsichtlich ihrer Kleiderwahl "abwenden von allem pracht / vnd Hoffart", ihre "Hoffertige Kleydung weg werffen / vnd gedencken / das der aller schöneste nur sey wie eine Blume". Der Mensch sei von Natur aus nackt, von Gott ohne Kleidung geschaffen und habe diese erfunden, um seine Eitelkeit damit auszudrücken. Wie die Vögel so müßten auch die eitlen Menschen sterben. Was also letztlich zählt - so kann man aus den Worten des Autors schließen - sind nicht die Äußerlichkeiten, von denen sich die Menschen verleiten lassen, sondern die inneren Werte, der Glaube an Wunderzeichen und damit auch an Gott.
Gerade das Gegenteil dieser "hoffertigen" Vögel stellt der "edle Vogel Phenix" dar, um den es in einem Einblattdruck von 1612 geht. Denn er steht nicht für die sündhaften Menschen, sondern ist "ein Figur auff Christum vnsern Erlöser". Im Gegensatz zu den zahlreichen erwähnten furchterregenden Ungeheuern sei der Phönix ein "Himmlischer" Vogel von "herrlicher schöner gestalt". Als Symbol für Christus trage er "Ein Cron Göttlicher Mayestat", indem er die Sünden der Menschen auf sich genommen habe, wofür ihm "ewiges Lob" gebühre. Der Autor nimmt damit die mittelalterliche Deutung des Phönix als christliches Symbol auf, die durch den "Physiologus" sowie "die homiletischen und exegetischen Schriften der Kirchenväter" geprägt worden war. Es handelt sich somit bei diesem Phönix in doppelter Hinsicht um einen Wundervogel: Zum einen aufgrund seines ungewöhnlichen Aussehens, Alters - er wird über 500 Jahre alt - und einzigartigen Charakters, wie es aus Sagen seit der Antike bekannt ist, und zum anderen aufgrund seines Symbolcharakters, der ihn zu einem Teil der göttlichen Trinität erhebt.
Bei einigen Tieren liegt der Wundercharakter weniger in den Tieren selbst als vielmehr in den Umständen, unter denen sie auftreten. So wird des öfteren von kleinen Tieren berichtet, die vom Himmel regnen. 1579 soll es in Norwegen "lebendige Meuse vom Himel geregnet" haben, die das Korn auf den Äckern zerbissen hätten. Desgleichen seien 1672 in Ungarn während eines Schneefalls "eine unzehliche Menge allerhand abscheulicher gelber vnd schwartzer mit ziemlicher Grösse begabter Würmer continuirlich aus der Lufft auff die Erde gefallen". Sowohl die regnenden Mäuse als auch die Würmer werden von den Autoren der Schriften als Strafe Gottes und negative Vorzeichen ausgelegt, die auf Unheil hinweisen und zu Buße aufrufen sollen.
Nicht um Würmer, die vom Himmel regnen, sondern um solche, die aus den Körpern der Menschen kriechen, geht es in zahlreichen anderen Flugblättern. Im Jahr 1693 sei "einem dritthalb jährigen Mägdlein" ein "Nestel=Wurm", der "24. Werch=schuh lang" und "von hinden biß vornen zugespitzt sich gestaltet" hat, "tod auß dem Leib herauß kommen". Die Illustration, die den Großteil des Blattes einnimmt, zeigt einen in sich gewundenen wohl übertrieben langen Wurm, dessen Herkunft aus dem Körper eines dreijährigen Kindes nur sehr schwer vorstellbar ist.
Immerhin "zwölff Zoll" lang war der "abscheuliche Wurm", der 1745 einem Mann entnommen werden konnte. Dieser habe durch sein "Thun und Blehen" dem Mann große Schmerzen verursacht. Da der Wurm "so groß und ungestalt" war und eine sehr seltsame Gestalt mit zwei Köpfen, sechs Beinen und "Augen roth wie Feuer" hatte, gab man ihn als "Wunder" bzw. "Ungeheuer" aus, das "Jung noch Alt, Nicht rathen noch begreiffen" könne. Er sei vielmehr ein Sinnbild für "GOttes Allmacht" und zugleich für das menschliche Gewissen, das wie der Wurm den Menschen Tag und Nacht "Jammer und Wehklagen" verursache, wenn er Gottes Allmacht nicht genug würdige.
Keine Würmer, aber ähnliche Tiere, nämlich "Nattern vnd Eydexen", haben 1551 in Ungarn einige Menschen "also gemartert vnd gekrenckt / das sie endtlich den todt dauon haben m?sten", wie zwei Flugblätter von Aegidius Adler und Sebald Mayer berichten. Diese seien ohne Unterlaß in den Körpern der Menschen "auff vnd nider gekrochen" und hätten so für große Schmerzen gesorgt. Es blieb hier nicht - wie in den vorigen Berichten - bei einem Einzelfall, sondern es "werden je lenger je mehr kranck", so daß schon "mehr als in die drey tausent menschen / von solcher plage gestorben" seien. Die Krankheit hat also epidemieartige Züge angenommen und wird deshalb im letzten Textabschnitt vom Autor mit der Pest verglichen. Beide Epidemien seien nur zu verhindern, indem die Menschen "sich an das wort Gottes" halten und ihr Leben bessern. Ob als Regen oder in Form einer Krankheit: Sämtliche Ungeziefer und Kleintiere werden also - sogar noch im 18. Jahrhundert, als die Medizin bereits große Fortschritte verzeichnen konnte - als Strafe Gottes für die Sünden der Menschen betrachtet.
Die letzte Gruppe von Wundertieren bilden schließlich wilde Bestien, die den Menschen großen Schaden zufügen. Ein Flugblatt von 1586 erzählt von "Zwey Wunderthier", die "die Natur vnd art" haben, "das sie anders nichts fressen / das ein guote Mann / das ander guote Frawen". Die eine Bestie, "Bigorne" genannt, frißt alle Männer, "so sich gentzlich thuond ergeben / In willen jrer Weybern". Die andere - "Ciscefasche" genannt - umgekehrt verspeist am liebsten Frauen, "so jhren Mannen / In jhrem gebott thuond g'horsammen / Vnd im hauß halten guot Regiment / Damit nichts vnnütz werd verschwembt". Die beiden Bestien selbst stehen dabei wohl für das jeweils andere Geschlecht, woraus sich folgende Botschaft des Flugblatts ergibt: Frauen, die ihren Männern vollsten Gehorsam leisten, werden von diesen 'vernichtet', umgekehrt werden jedoch auch Männer, die ihren Frauen vollständig unterstehen, von diesen zunichte gemacht. Daraus ergäbe sich der sehr modern anmutende Appell zur Gleichberechtigung von Mann und Frau: Nur wenn beide gleichviel zu sagen haben - so könnte man aus dem Flugblatt folgern -, kann die Beziehung glücklich verlaufen. Demnach handelt es sich bei den beiden Wundertieren wohl um keine realen, sondern Phantasiewesen, denen allein symbolischer Gehalt zukommt.
Daß es sich zumindest bei dem Wundertier "Bigorne" um ein Motiv handelt, das des öfteren auf Einblattdrucken anzutreffen ist, belegt ein Flugblatt aus Augsburg. Auf diesem ist das Tier zwar in anderer Gestalt, jedoch wiederum sehr groß und furchterregend dargestellt. Der Text erläutert, daß das Tier diejenigen "frommen Männer" frißt, die sich von ihren Frauen schlagen lassen und die immer tun, "was sie will". Wie im vorigen Flugblatt symbolisiert also auch hier das Wundertier "Bigorne" einen Aufruf an die Männer, sich von ihren Frauen nicht unterdrücken zu lassen. Doch fehlt hier der gegensätzliche Part, der auf Gleichberechtigung hindeuten würde. Der Autor dieses Flugblatts sieht den aktuellen Mißstand somit wohl nicht in der Ungleichheit von Mann und Frau, sondern in der übermäßigen Macht, die sich die Frauen gegenüber ihren Männern anmaßen und gegen die sich die Männer wehren sollen.
Ebenfalls nur symbolisch zu verstehen ist das "dreyförmige und unerhörte Spanische Monstrvm", von dem ein Leipziger Flugblatt handelt. Denn das "Monstrvm" steht hier für all diejenigen Sensationsmeldungen, die einem "spanisch" vorkommen, die also von den Autoren erfunden wurden. Nicht nur Kometen und Wunderregen, auch das "Monstrum aus Lyßbon" sei ein Beleg dafür, wie der Sensationshunger der Menschen gestillt und deren Leichtgläubigkeit ausgenutzt werde. Ähnlich wie in den beiden vorigen Flugblättern wird somit mithilfe der Darstellung eines Wundertiers Kritik an einem zeitgenössischen Mißstand geübt.
Keine symbolische Funktion, sondern die eine Wunderzeichens erfüllen dagegen die Bestien, die 1632 und 1653 in Frankreich für Unruhe sorgten. Bei der ersten Bestie handelte es sich um ein "grimmiges / zerreisendes vnnd Leut=fressendes Thier", das Merkmale sämtlicher wilder Tiere wie Löwen, Tiger oder Leoparden in sich vereinigt und "17. so wol grosse vnd erwachsene als junge Personen nider gerissen vnd ertödtet" hat. Die Bewohner der betroffenen Stadt berieten über die Herkunft des Tieres und kamen zu dem Schluß, daß es sich entweder um ein "Wunderthier auß einem frembden Landt" handle, das sich verlaufen habe, oder aber um "Zauberey vnd Hexenwerck / damit der leydige Sathan vns die Augen verblendet / vnnd solcher gestallt an den armen Menschen / durch zulassung deß gerechten Gottes / seine Tyranney vnd grausamkeit verübet". Auf jeden Fall sei "dieses vngewöhnliche Werck vns von Gott / sonderlich vnd zu dem end zugeschickt / daß wir vnsere Sünde erkennen / bekennen / ware reu vnd leyd darüber haben".
In gleicher Weise deutet auch der Autor des Flugblatts von 1653 das "vngehewre wilde Thier", das "über 140. Menschen grausamlich verzehret vnd gefressen hat". Daß der Autor auf die Bestie von 1632 zurückgreift, belegt allein der Holzschnitt, der von dem früheren Flugblatt unverändert übernommen wurde. Auch die Beschreibung des Tiers lautet ähnlich: Es besitzt Kennzeichen eines Löwen, Wolfes und anderer Tiere. Bereits zu Beginn des Textes warnt der Autor den Leser davor, daß der Tod den Menschen "vnverhofft" überraschen könne und "durch böse Thier durch Gspenster offt wird gestrafft vnser Sünde". Ähnlich wie andere Wunderzeichen, vor allem auch wie die Meereswunder, wird die Bestie also als Strafe für die Sünden der Menschen und zugleich als Warnung vor kommendem Unheil ausgelegt.
Während bei einigen Wundertieren der symbolische Charakter von vornherein unverhüllt dargelegt wird, wird in anderen Fällen wie von einem echten Tier gesprochen. Durchwegs handelt es sich jedoch um Tiere, deren Gestalt von den bekannten Tieren abweicht - sie sind meist größer und vereinen in sich Merkmale unterschiedlichster Tiere - und die oft aus einem relativ unbekannten und ungenau beschriebenen Gebiet stammen. Doch ob es sich nun tatsächlich um ein reales oder doch nur um ein Phantasiewesen handelt, dürfte in der Tat wohl eher nebensächlich gewesen sein. Was vielmehr zählte, war die Botschaft, die die Flugblätter übermitteln wollten. Sie wollten Kritik üben entweder an konkreten Mißständen oder allgemein am sündhaften Leben der Menschen und zugleich einen Appell an die Menschen richten und diese zu Buße und Umkehr auffordern.
Während noch im 17. Jahrhundert das Volk nicht-einheimische Tiere nur dank der Schausteller bestaunen konnte, die mit den Tieren durch die Lande zogen und ihre Auftritte mit den anfangs besprochenen Schaustellerzetteln ankündigten, entstanden seit Ende des 18. Jahrhunderts Tiergärten, die für alle zugänglich waren. Diese entwickelten sich aus den seit Ludwig XIV. vorhandenen Menagerien, kleineren Tierparks, die in den Gärten der Schlösser angelegt worden waren. Im Unterschied zu den königlichen Tierschauen waren die Tierparks des 18. und vermehrt des 19. Jahrhunderts öffentlich und versuchten, die seit den Tierbüchern des Spätmittelalters theoretisch aufgestellten Klassifizierungen der Tiere in die Praxis umzusetzen.
Neben dem zoologischen Garten war es der Zirkus, der die Vorführung vor allem wilder Tiere, die früher ebenfalls durch wandernde Schausteller betrieben wurde, fortführte. Ziel der Tierdressur im Zirkus war es jedoch nicht, die Tiere in ihrem 'Naturzustand', sondern gebändigt, mit 'gebrochener Macht' gegenüber den überlegenen Menschen, darzustellen.
Nicht nur die Zurschaustellung exotischer Tiere, auch diejenige einheimischer mißgebildeter Tiere nimmt im 18. Jahrhundert ab. Man bewertet es nun als unästhetisch, Mißbildungen zur Schau zu stellen. Es kam zu einem tiefgreifenden Deutungswandel der Mißgeburten, der sehr deutlich an den theoretischen Schriften dieser Jahrhunderte über Mißgeburten abgelesen werden kann.
Das 16. Jahrhundert war noch vollständig von der Auffassung geprägt, daß "alle Geschöpfe von Gott geschaffen seien, daß aber alles von Gott Geschaffene gut und sinnvoll sein müsse" und deshalb die "Monstren in den Schöpfungsplan als Wesen mit zukunftsweisender Bedeutung" einzuordnen seien. So schreibt Christoph Irenaeus in der Vorrede zu seiner Abhandlung De monstris von 1585: "Wenn etwan ein Monstrum / wunder / seltzame / heßliche / abschewliche Geburt / von Menschen oder Viehe / auff diese Welte geboren wird / So ist es jnen / vnd für der Menschen Augen gleich ein Eckel / Grewel vnd Schewsal / Vnd die in Gottes Wort recht vnterricht sind / erkennen vnd halten solche scheußliche Monstra / oder Wunder / vnd vngestalte Geburt für ein straffe Gottes". Er definiert ein Monstrum deshalb als "ein Vnnatürliche / seltzame / vngewöhnliche / grewliche vnd abschewliche Wundergeburt / so entweder von einem Menschen oder vnuernünfftigen Thieren / durch Gottes straffe / vnd Verhengniß herkompt". Die Ursache für solche Wundergeburten schrieben die "Physici" dem "vnreinen verderbten / oder faulen Geblüt der Mutter / oder dem verderbten Samen zu". Doch wichtiger als diese Erkenntnis der "Physici" ist für Irenaeus die Tatsache, daß sämtliche Mißgeburten, egal ob von Mensch oder Tier und egal aus welcher Ursache, immer "Straffen der Sünden" seien.
Diese eindeutige Zuweisung der Mißgeburten und Wundertiere in die Gruppe der von Gott bewirkten Wunderzeichen beginnt sich im 18. Jahrhundert aufzulösen. Die religiöse Interpretation scheint den Menschen nun nicht mehr zu genügen; sie möchten vielmehr erfahren, welche natürlichen Ursachen für die Entstehung einer Mißgeburt ausschlaggebend sein können und wie man diese demnach auch verhindern kann. Die Mediziner erkennen, daß "selbst in den Misbildungen die Natur im Wesentlichen eine gewisse Ordnung, einen bestimmten Gang und Einförmigkeit" erkennen lasse und beginnen, diese "Stuffenfolge und natürliche Ordnung" genauer zu untersuchen. Dabei ist man sich zunächst einig, daß "das sogenannte Versehen schwangerer Weiber", das die Naturforscher in früheren Jahrhunderten vielfach als Grund angegeben hatten, als Ursache für Mißgeburten keine Rolle spiele. Im 19. Jahrhundert weist man diese Annahme jedoch wieder zurück und geht umgekehrt davon aus, daß "die innere Möglichkeit der durchs Versehen der Schwangern, dem Vorgeben nach, bewirkten körperlichen und geistigen Veränderung des Kindes, ausser Zweifel gesetzt" seien. Dieses könne dadurch zustande kommen, "wenn Weiber von irgend einer äußern oder auch innern Vorstellung plötzlich und stark afficirt werden". Als weitere Ursachen werden "der Zustand der Zeugenden im Akte selbst" sowie "Leidenschaften und Affekte, schlechte Nahrung und Wohnung, ungesunde Atmosphäre während der Schwangerschaft" genannt. Mißgeburten galten ab dem 18. Jahrhundert somit nicht mehr als Wunderzeichen, sondern wurden als krankhafte Fehlbildungen erkannt, deren natürliche Ursache erforscht und gegen deren Entstehung etwas unternommen werden kann.
Doch nicht nur mißgebildete Tiere, auch normalwüchsige Tiere, die den Menschen der frühen Neuzeit lediglich unbekannt waren und deshalb oft als Wundertiere ausgegeben wurden, konnten im 18. Jahrhundert in natürliche Kategorien eingeordnet werden. Die Klasse "Wundertier", die in vielen frühen Tierdarstellungen, wie in Megenbergs Buch der Natur, noch vertreten war, verschwand aus den Tierbüchern. Der Glaube an derartige Wundertiere wurde als Aberglauben abgetan. Die Untersuchung galt alleine den realen Tieren, denen die sich etablierende Zoologie ihre ganze Aufmerksamkeit widmete. Sie wurden unter rein naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten analysiert und in zoologischen Lehrwerken vorgestellt und naturgetreu abgebildet. Man begann im 18. Jahrhundert bereits mit der Systematisierung der Tiere in Klassen, Ordnungen und Gattungen. Vor allem durch Carl von Linnés "Systema naturae" wurde die Zoologie in breiter Front vorangetrieben. Mithilfe neuer wissenschaftlicher Methoden gelang es den Zoologen bald, sämtliche (größeren) Landtiere zu erforschen und zu kategorisieren. Probleme ergaben sich alleine bei jenen Tieren, die aufgrund ihrer Größe oder ihres Lebensraumes schwer zu erschließen waren. Dazu zählten zum einen sehr kleine Lebewesen wie Bakterien, die jedoch mit der Erfindung des Mikroskops im 17. Jahrhundert 'unter die Lupe' genommen werden konnten. Zum anderen gehört dazu der größte Teil der Meerestiere. Denn wie oben schon erwähnt, war das Meer ein Gebiet, das für den 'nicht-seetauglichen' Menschen ohne die nötigen technischen Hilfsmittel nicht gut zugänglich ist. Diese Tatsache dürfte dafür ausschlaggebend gewesen sein, daß diese Gattung Meerwunder statt mit Zunahme der Aufklärung in den kommenden Jahrhunderten sich zu vereinfachen, an bizarrer und grotesker Form zunahm. Die Flugblattproduktion über Meermonster und ungewöhnliche Fische kam auch im 18. Jahrhundert nicht zum Erliegen. Weiterhin wurde von unbekannten Wesen berichtet, die zufällig gestrandet waren und aufgrund ihres ungewöhnlichen Aussehens die Menschen erschreckten. Vor allem für die Seeleute galten die Meerwunder als große Gefahr, da man ihnen zutraute, die Schiffe zu attackieren und die Besatzung anzugreifen.
Und selbst heute sind Monster und Wunderwesen noch nicht aus unserer Alltagswelt verschwunden. Sie erfreuen sich vielmehr großer Beliebtheit in vielen Fantasy- und Science Fiction-Filmen und -Romanen. Obwohl hier nicht von der Realität der Wesen ausgegangen wird, versetzen sie die Zuschauer bzw. Leser vielfach in Angst und Schrecken. Doch ist es eine eher unbestimmte Angst, die durch die Spannung des Films bzw. Buchs erzeugt wird, wohingegen sich die Furcht in den frühneuzeitlichen Flugblättern konkret auf die Bestrafung Gottes bezog. Die Wundertiere machten demnach wie viele andere Wunderzeichen einen Prozeß der Verweltlichung durch, eine Wandel vom Monstrum zur Kuriosität, von der "transzendenten Warnung" zur "immanenten Störung".
Doch nicht nur Phantasiewesen haben in unserer heutigen Zeit Hochkonjunktur, auch die Erforschung der realen Meereswesen läuft auf Hochtouren weiter. Der Kryptomeereszoologie gelingt es immer wieder, "die Existenz mehrerer Seeungeheuer zu belegen", die man bereits für ausgestorben hielt, wie die Seeschlange oder den Quastenflosser. Darin könnte ein Grund dafür liegen, daß gerade Meerestiere auf frühneuzeitlichen Flugblättern so oft als Wundertiere bezeichnet werden. Denn ein Tier von urzeitlichem Aussehen konnte den Menschen jener Zeit unmöglich bekannt sein und mußte furchterregend wirken. Dies wiederum veranlaßt "Monsterfans" zu neuer Hoffnung, daß in den Tiefen des Meeres doch noch mehr Monster schlummern, als man denkt. Der Prozeß der 'Enthüllung' vermeintlicher Wundertiere als natürliche Lebewesen dauert also auch in heutiger Zeit immer noch an.
Den Charakter eines Wundertiers verliert ein Wesen jedoch erst dann, wenn man seine Existenz tatsächlich, am besten mit Hilfe eines Fotos oder einer Filmaufnahme, beweisen kann. Während dies bei einigen Tiere wie dem Quastenflosser gelungen ist, warten einige Seeungeheuer immer noch auf ihr Beweisbild. Das berühmteste Beispiel dafür ist das Ungeheuer von Loch Ness. Im 6. Jahrhundert erstmals erwähnt fand es immer wieder von neuem Beobachter. Die Sichtungsberichte, die sich seit der Sichtung durch das Ehepaar Spicer im Jahre 1933 häufen, weichen jedoch zum Teil erheblich voneinander ab, die meisten Fotos konnten als Schwindel entlarvt werden und jegliche wissenschaftliche Durchsuchung des Sees nach einem Ungeheuer blieb erfolglos. Bis jetzt ist also unklar, ob es sich bei Nessie um "das Hirngespinst mancher Menschen oder unglaubwürdiges Sagenmaterial" oder aber tatsächlich um "ein von der Evolution vergessenes und von der Wissenschaft noch unentdecktes Urzeittier" handelt.
Das Ungeheuer von Loch Ness ist deshalb ein gutes Beispiel für eine "neue Mythologie der Monster". Gerade das "ausweichende Wesen", die "Nichtfaßbarkeit" vieler Meerestiere umgibt sie selbst in heutiger Zeit noch mit einer Hülle des Wunderbaren. "Dank der gemeinsamen Unterstützung von Sagendichtern und Kryptozoologen werden die Monster nicht aussterben" - so Richard Ellis. Sie leben in der Phantasie des Menschen weiter, Geschichten über sie finden durch die Medien - in neuerer Zeit vor allem durch das Internet - weite Verbreitung. Und ein gewisses Interesse an diesen Wesen kann wohl keiner verhehlen: Wer würde nicht gerne wissen, ob es Nessie nun gibt oder nicht?
Doch gerade in dem Interesse der Menschen an solchen Wundertieren liegt der große Unterschied zwischen der frühen Neuzeit und heute: Während aus den Flugblattexten hervorgeht, daß die Menschen nicht an der tatsächlichen Realität der Wundertiere interessiert waren, sondern diese meist als Zeichen Gottes ausgegeben wurden, möchten wir heute gerne Gewißheit über die Wirklichkeit der Wesen haben und diese einer bekannten Tiergattung zuordnen. Sobald wir ein Tier jedoch kategorisiert haben, verliert es seinen wunderbaren, erschreckenden, monströsen Charakter. Dieser haftet nur noch jenen Wesen an, die wie Nessie in den unergründlichen Tiefen des Meeres verborgen sind. Allein bei diesen Tieren blieb etwas von dem Schemenhaften, Ungewissen und damit auch Wunderbaren der frühneuzeitlichen Wundertiere erhalten, da nur diese sich weiterhin im unbestimmten Raum zwischen Phantasie und Wirklichkeit befinden.